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Auswirkungen der geplanten Börsenfusion Frankfurt/London

22. Juni 2016

Unstrittig: bei einer Fusion der Börsen von Frankfurt und London würde einer der größten Börsenbetreiber weltweit entstehen. Und eine solche Fusion liegt im Trend. Denn das Segment der Börsenbetreiber konsolidiert seit Jahren: man will Kosten sparen und gleichzeitig Größe gewinnen. Die Economy of Scale und deren Gesetzmäßigkeiten gilt auch für Börsen. Mit einer solchen Fusion geht jedoch nicht automatisch eine Stärkung des Finanzplatzes Frankfurt einher.

Spekulativ gefragt: welche Auswirkungen könnte eine solche Fusion auf Deutschlands Finanzmetropole haben?       

Wir kennen das von der Bankenbranche. Auch die konsolidiert seit Jahren, mit entsprechenden Auswirkungen etwa auf den Flächenumsatz am Büromarkt Frankfurt. Die Konsolidierung, Rationalisierung und Optimierung der Strukturen dieser Branche hat dazu geführt, dass ihre Aktivitäten bei Neuabschlüssen auf ein – speziell im großvolumigen Bürosegment – höchst bescheidenes Niveau gesunken sind. Entsprechend rückläufig ist ihr Anteil am gesamten Flächenumsatz: Im Jahr 2015 betrug der nur noch 18 % (72.000 m²). Zu Spitzenzeiten lag der Anteil der Banken und Finanzdienstleister auch schon mal bei 46 % (1998 und 2010 mit 293.000 m² bzw. 216.000 m²) des Gesamtumsatzes.

Ein wesentlicher Faktor bei der möglichen Börsen-Fusion ist der Hauptsitz des neu entstehenden Unternehmens. Nach aktuellem Stand soll der London werden. Auch wenn einige Abteilungen und Funktionen der Deutschen Börse AG in Rhein-Main bleiben werden, und obwohl für die Finanzbranche rein technisch betrachtet die unmittelbare Nähe zur Börse sicherlich nicht erforderlich ist, lebt der hessische Finanzplatz – der sich darüber hinaus aktuell bemüht, über die verstärkte Ansiedlung von FinTech-Firmen seine Funktion als Cluster der „Technologie und Finanzindustrie“ zu stärken – nicht zuletzt von einer starken Präsenz solch wesentlicher Institutionen wie etwa der Börse.

Auch für das Segment der im weiteren Sinne für die Finanzbranche tätigen Dienstleister besteht wohl in den wenigsten Fällen eine direkte Abhängigkeit von der physischen Nähe zur Börse. Gleichwohl haben Fühlungsvorteile als weiche Standortfaktoren bei räumlicher Nähe durchaus ihre Bedeutung.

Kurz- bis mittelfristig dürfte eine Verlagerung des Börsenhauptsitzes nach London zunächst nur bei der Deutschen Börse AG selbst unmittelbare Konsequenzen haben, namentlich auf Abteilungen und im ungünstigsten Falle auch auf die Anzahl der Mitarbeiter hierzulande. Mittel- und langfristig indes könnten eng mit der Börse verknüpfte Unternehmen ebenfalls tendenziell Abteilungen und Funktionen in Richtung London verlagern. Und bei diesen Firmen könnte sich nicht zuletzt die Wohnortwahl ihrer Chefs auch auf Standortentscheidungen des Unternehmens auswirken. Sollten sich solche Entwicklungen tatsächlich ergeben und eine Eigendynamik entwickeln, wäre am Standort Frankfurt nicht nur die Unternehmens- und Branchenlandschaft, sondern nachgelagert letztlich auch der Arbeitskräftepool, der Wohnungsmarkt, der Büromarkt und die lokale Wirtschaft betroffen – in welchem Maße, bleibt abzuwarten.

Bereits der Umzug der Deutsche Börse AG nach Eschborn (genauer: der Verwaltung, denn der juristische Sitz ist nach wie vor Frankfurt) vor einigen Jahren, um in den Genuss einer niedrigeren Gewerbesteuer zu kommen, hatte große Wellen geschlagen. Zwar waren die Auswirkungen beim Büromarkt damals insgesamt kaum spürbar; es gab lediglich eine Verschiebung innerhalb des Marktgebietes. Aber ein Umzug des Börsenhauptsitzes über den Ärmelkanal wäre gewiss schmerzhafter und könnte mittel- bis langfristig substanziellere Auswirkungen mit sich bringen. Sollte es zudem zum Brexit kommen, und in Großbritannien die Deregulierungswünsche der Brexit-Befürworter durchgesetzt werden können (speziell in der Finanzbranche), würde der Standort Großbritannien für viele Banken diesbezüglich an Attraktivität gewinnen. Andererseits ergäben sich durch einen Brexit Chancen für Frankfurt1), die jedoch im Wettbewerb mit Dublin, Paris, Luxemburg und Amsterdam denn auch tatsächlich realisiert werden müssten. Denn ein Brexit führte nicht zwangsläufig zur An- oder Umsiedlung von Mitarbeitern, Abteilungen oder ganzer Institute ins hiesige Finanzzentrum.

Brexit oder kein Brexit, Börsenfusion oder keine Börsenfusion – in jedem Fall ist die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main gut beraten, ihre Stärken deutlicher herauszuarbeiten, wünschenswerterweise ohne das bisweilen noch recht manifeste Kirchturmdenken. Das hat im internationalen Standortwettbewerb längst nichts mehr verloren.

1) Ein Brexit könnte für Finanz- und Versicherungsunternehmen gemäß europäischer Richtlinien („Passport“) u.a. bedeuten, dass bestimmte Unternehmens-Funktionen in einem EU bzw. EWR-Land (Europäischen Wirtschaftsraum) angesiedelt sein müssten.