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Individualismus und Selbstinszenierung setzen die Gastronomie-Trends

Die Gastronomie hat sich als Treiber für Einzelhandelsimmobilien längst etabliert, aber soziodemografische Megatrends und Social Media-Kultur dürften ihr noch weiter Schub verleihen.

12. März 2020

Anfang 2019 hatte die Sparte Gastronomie und Food erstmals den Spitzenplatz in der Einzelhandelsvermietung für sich erobert. Mittlerweile ist zwar der alte Primus Textil zurück auf Platz 1, unzweifelhaft ist aber, dass Food and Beverage, kurz F&B, weiter eine große Rolle im Retailsegment spielen wird. Als Mieter, aber auch als Publikumsmagnet für Einzelhändler. Untersuchungen haben zum Beispiel gezeigt, dass Gastronomie-Besucher in Shopping Centern 15 Prozent mehr ausgeben, ihre Verweildauer steigt um rund ein Drittel.

 

Unzweifelhaft deswegen, weil die Gastronomie derzeit von verschiedenen gesellschaftlichen Megatrends profitiert. Da wäre zum einen der stetig wachsende Anteil der Single-Haushalte. Im vergangenen Jahr vermeldete das Statische Bundesamt, dass in der Bundesrepublik 17,3 Millionen Menschen allein leben.

Rund jeder Fünfte in Deutschland wohnt also als Single, 46 Prozent mehr als noch im Jahr 1991. Auch die durchschnittliche Haushaltsgröße ist seit diesem Referenzjahr merklich gesunken, von 2,27 auf 1,99 Bewohner.

Singles essen häufiger außer Haus

Ob nun der unverhältnismäßige Aufwand, für nur eine Person zu kochen, oder andere Gründe dahinterstecken: Nachgewiesen ist, dass Singles deutlich häufiger Restaurants und Gaststätten besuchen als gemeinsam lebende Paare oder Familien.

Über alle Lebensalter hinweg beträgt der Unterschied zwar nur marginale rund zwei Prozent, ganz erheblich ist er aber bei den unter 49-jährigen. Hier sind es 47,1 Prozent, die mehrmals im Monat gastronomische Anbieter aufsuchen. Das Bevölkerungsmittel liegt dagegen bei nur 32,6 Prozent.

„Der vergleichsweise hohe Anteil bei den Jüngeren erklärt sich zum Teil aus einem aktiveren, spontaneren Lebensstil und ist keinesfalls Ausdruck von Isolation. Gastronomie, nicht zuletzt in Retail-Flächen, wird zum Treffpunkt mit Eventcharakter. Also alleine leben, aber gemeinsam ausgehen“, erklärt Josefine Ulrich, Team Manager Central Retail Leasing bei JLL.

Und bei diesem Ausgehen kommt dem Aspekt der Selbstinszenierung eine immer größere Bedeutung zu. Essen und gesehen werden ist die Devise. Zum einen natürlich online. Genaue Zahlen lassen sich schwer erfassen, aber allein der nicht repräsentative deutschsprachige Meta-Blog „Rezeptbuch“ führt mehr als 1.200 Foodblogs auf. Und das sind sicherlich nicht alle, ganz zu schweigen von allen weiteren „Foodisten“ auf Instagram, Youtube und so weiter.

Entsprechend muss Essen gehen immer mehr Event sein. Was auf den Teller kommt, muss auch für ein Publikum präsentabel sein. Ganz neue Ansprüche also an die Gastronomie: „Heute isst nicht nur ein Auge mit, sondern unter Umständen Hunderttausende. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine ganz große Chance für Gastronomen, im direkten Kontakt mit Influencern große Aufmerksamkeit zu erzielen. Und das möglicherweise sogar ohne jedes Werbebudget.“, sagt Ulrich.

Foodporn wird analog

„Foodporn“ ist aber beileibe kein reines Online-Phänomen mehr. Die Selbstpräsentation im F&B-Umfeld ist längst auch in die reale Welt übergeschwappt. Essen gehen ist ein Stück weit auch Bühne, für Individuum wie Gruppe gleichermaßen.

Selbst im gemeinsamen Food-Erlebnis bleibt Individualität ein wichtiger Faktor, wie das Prinzip Food Hall zeigt: Im Trend liegen offene Gastronomieflächen, die den individuellen Kauf bei unterschiedlichen Anbietern, aber das gemeinsame Verzehren in offenen, frei zugänglichen Bereichen ermöglichen.

Gastronomie und Handel entdecken die Inszenierung

Erleben, Ausprobieren und dabei in Erscheinung treten, dass diese Kombination funktioniert, entdecken zunehmend auch Handel, Nahrungsmittelhersteller und generell die Industrien rund um die Küche. „Längst sind es nicht mehr nur die Unternehmen mit einem besonders trendigen Anstrich wie Starbucks, die etwa Barista-Kurse im Sinne der Kundenbindung anbieten. Auch traditionellere Akteure setzen zunehmend auf vergleichbare Events. Und im Gastronomiebereich erschließen sich die Händler eigene Konzepte, um neues Publikum zu gewinnen und bestehendes zu halten“, so Ulrich.

Kommen jetzt die Babyboomer-Foodisten?

All diese Trends bringt man derzeit noch mit einem eher jugendlichen Publikum in Verbindung. Aber steht vielleicht die ältere Generation schon in den Startlöchern, um die neue Gastronomie für sich zu entdecken? Die große Verrentungswelle der Babyboomer beginnt gerade, eine Generation, für die Freizeit und Gastronomie längst nicht mehr dem Klischee von Schwarzwälder Kirschtorte zum Kaffee entspricht. Sie sind vergleichsweise wohlhabend, haben bald jede Menge Zeit, sind ebenfalls weit individualistischer und erlebnisorientierter als die Generation ihrer Eltern.

Zudem holen die Babyboomer im Bereich Digitalisierung und Consumer Electronics rasant auf, zeigt zum Beispiel eine aktuelle Deloitte-Studie. 96 Prozent der 55- bis 74jährigen besitzen einen Computer, 81 Prozent ein Smartphone. Und auch in Sachen Social Media zeigen die „Silver Surfer“ deutliche Zuwächse. Kommen also bald die Food-Blogger im besten Alter? Wer weiß, auf jeden Fall könnte sich hier eine nicht zu vernachlässigende Chance auftun, eine ganz neue Zielgruppe von „Erlebnis-Foodies“ zu entwickeln.

Josefine Ulrich
Team Manager Central Retail Leasing

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