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Gemeinschaftsküchen-Siff adé: Der deutsche Markt für private Studenten-Apartments boomt – doch die Zukunft liegt noch einen Schritt weiter

21. Juli 2016

Hach, was waren das noch für Zeiten, als man im ersten Morgengrauen auf dem Sperrmüll-Küchen-Sofa einschlief und mit Sprungfeder-Abdruck auf der Wange wieder aufwachte. Und als man die Reste seines um 11 Uhr „früh“ im Halbschlaf gebratenen Rühreis noch getrost antrocknen lassen konnte. Studieren in Alt-98er-Zeiten, das waren vor allem Gemeinschaftsküchen-Partys, drangvolle Bett-stößt-an-Schreibtisch-Enge und ein wenig standesgemäßer Siff.

     

     

Heute ist das eindeutig vorbei. Wo früher der verklebte Kicker stand, hängt heute der Flachbild-TV. Die Selfmade-Gruppenküche heißt jetzt Pantry und ist längst ins private Apartment umgezogen. Die Couch im sauber getünchten Social Room folgt einem durchdachten Design-Konzept. High-Tech, 1A-Wifi, cooler Style und Boutique-Hotel-Service wie Reinigungs- und Wäschedienst, Carsharing oder Tutorenangebote: So will – auch laut Erfahrung und Ausrichtung der knapp 500 von JLL befragten Investoren und Akteuren in diesem Segment – der Student von heute wohnen.

Entsprechend lebhaft entwickelt sich der Markt. Nicht nur dort, wo das Studentenwerk der hohen Nachfrage in Uni-Hochburgen nicht wirklich nachkommen kann, sind private nationale und internationale Investoren aktiv und immer mehr Akteure mischen mit. „Student Housing“ ist hierzulande ein riesiger Wachstumsmarkt: Zwischen 2011 und 2016 hat sich der Umsatz mit dem Handel von privaten Studentenwohnheimen vervierfacht (!). Weil die Nachfrage bei schwacher Wirtschaft eher steigt. Weil das Mietausfallrisiko geringer ist. Weil Mieten durch viele Wechsel häufiger ans Marktniveau angepasst werden können. Und weil bisher kein ausreichendes Angebot vorhanden ist.

Doch was passiert, wenn die Studentenzahlen wie prognostiziert nicht mehr ansteigen, weil die doppelten Abiturjahrgänge durchs Examen sind? Nun, die Nachfrage nach Mikro-Wohnraum schrumpft damit noch lange nicht. Im Gegenteil. Sie wird im Angesicht von Single-Trend, wachsender Zahlen von Wochenend-Pendlern und noch örtlich springenden Berufseinsteigern (den so genannten Young Professionals) weiter steigen. Wer sich bei seiner Investition zu einseitig auf Studenten fokussiert, geht möglicher- bis wahrscheinlicherweise ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein.

Produktportfolios unterschiedlicher Konzeption und Ausrichtung – zugeschnitten auf Bedarf und Ansprüche der jeweiligen Mikrowohn-Zielgruppen – sind das Modell der Zukunft. Wo business-gestandene Pendler gerne zusätzliche Serviceangebote wie Reinigung und Frühstücksdienst nutzen, sind Berufseinsteiger dankbar für die unkomplizierte Möglichkeit, an neuen Arbeitsorten Fuß zu fassen. Ebenso wie die Generation Trainee plus Praktikum. Studenten schätzen die neue, saubere Privatsphäre, in der man aber durch das Vorhandensein von Lernraum, Partykeller & Co. den alten Gemeinschaftssinn und Austausch nicht missen muss. Hier ergeben sich durchaus weitere Nutzungsformen wie Start-up-Space für frischgebackene Absolventen oder Noch-Studenten mit ambitionierten Ideen – gerade an Standorten mit Eliteuni-Status. Bewohner profitieren vor allem von der Flexibilität kurzfristig ein- und auszuziehen, Investoren vom stets richtigen Angebot gleich welche Zielgruppe gerade am meisten nachfragt.

Das Konzept „Studentisches Wohnen“ ist in seinen Facetten und Möglichkeiten vielfältiger und vor allem interessanter geworden – für Studenten wie für Investoren. Und wo Letztere heute noch überwiegend aus Deutschland kommen, wird es mittel- bis langfristig wesentlich internationaler werden – entweder durch Käufe von Portfolios oder die absehbare Übernahme von deutschen Betreibern durch Akteure aus dem Ausland. Das Marktpotential für Mikrowohnen scheint sich herumzusprechen.

Von Jirka Stachen