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Europäische Immobilienwirtschaft: Ein Boom stirbt nicht an Altersschwäche

Immobilieninvestoren beobachten die wirtschaftliche Entwicklung in Europa mit großer Aufmerksamkeit.

11. Oktober 2019

Die großen europäischen Volkswirtschaften wappnen sich gegen eine dreifache Bedrohung durch verlangsamtes Wachstum, ungelöste Handelskonflikte und die Unwägbarkeiten des Brexit.

Für Immobilieninvestoren bleibt Europa, im Vergleich zu anderen Regionen der Welt, ein attraktiver Hafen für globale Kapitalanlagen. Angesichts der Dauer des aktuellen Zyklus von mehr als zehn Jahren – und in einer Phase hoher Liquidität – stellt sich jedoch vielen die Frage, wann er auslaufen wird und ob das neueste Konjunkturprogramm der EZB ihn noch weiter in die Länge zieht.

David Rea, Chief Economist EMEA bei JLL, gibt seine Einschätzung zu den großen Themen, mit denen sich die europäischen Volkswirtschaften mit Blick auf 2020 beschäftigen müssen.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach der aktuelle Zyklus entwickeln?

Der aktuelle Zyklus unterscheidet sich von den bisherigen: zum einen, was seine Dauer betrifft, zum anderen durch die Politik des Quantitative Easing (QE), die dazu führt, dass die Renditen anderer Anlagen sinken und Investitionen in Immobilien in attraktiverem Licht erscheinen.

Da die EZB ihre Politik des Quantitative Easing im nächsten Monat wieder neu auflegen will, könnte sich der Zyklus weiter verlängern. Wie lange, das ist schwer vorherzusagen, zumal die neueste QE-Runde nicht befristet wurde. Märkte im oberen Preissegment, etwa London und Paris, könnten sich noch weiter verteuern.

Natürlich wird der Zyklus irgendwann an sein Ende kommen – die große Frage ist jedoch wann und wie. Ein Boom stirbt nicht an Altersschwäche, sondern durch falsche politische Weichenstellungen oder Schocks wie Ölpreissprünge oder Bankenkollaps.

Welche Maßnahmen sind neben dem Konjunkturprogramm der EZB für die Eurozone noch möglich?

Die Fundamentaldaten der Wirtschaft in der Eurozone sehen ziemlich gut aus: Die Zahl der Beschäftigten ist auf Rekordhöhe, die Inflation niedrig und die Kreditkonditionen günstig. Aber man kann nicht leugnen, dass sich die Aussichten verdüstern. Im zweiten Quartal sank das BIP von 0,4 % im vorhergehenden Quartal auf 0,2 %; das Vertrauen in die Wirtschaft hat nachgelassen und das produzierende Gewerbe hat schon seit über einem Jahr zu kämpfen.

In Zeiten von Niedrig- und Negativzinsen sind die Möglichkeiten der großen Zentralbanken für weitere konventionelle Maßnahmen weitgehend ausgeschöpft. Kreditnehmer mit hoher Bonität erhalten Kredite zu sensationell niedrigen und weiter fallenden Zinssätzen. Aber für kleinere Unternehmen, die ein höheres Risiko darstellen, bleiben Kredite teuer. Unkonventionelle, vielleicht sogar ganz neue finanzpolitische Instrumente könnten die Kreditkonditionen für die Marktteilnehmer verbessern, die noch immer hohe Zinsen zahlen müssen.

Da sich auch Regierungen zu Niedrigstzinsen oder sogar zu Negativzinsen Geld leihen können, sind die Voraussetzungen für umfassende Investitionsanreize im Bedarfsfall ideal. Regierungen können Infrastrukturmaßnahmen anstoßen, Investitionen durch Steuererleichterungen begünstigen oder den privaten Konsum durch staatliche Förderung ankurbeln. Viele von ihnen hatten bereits Finanzspritzen eingeplant, bevor die Konditionen gelockert wurden.

Das Damoklesschwert der globalen Handelskonflikte macht den Investoren zu schaffen. Wie werden die Anleger darauf vermutlich reagieren?

Bisher konnten wir beobachten, dass eine Eskalation der Handelskonflikte zu einer signifikanten Verwerfung der Märkte führt – und weitere sind zu erwarten. US-Zölle auf europäische Fahrzeugimporte könnten sich im November negativ auswirken und zu weiteren Problemen in der schwächelnden Eurozone führen.

Auf der andauernden Suche nach Rendite ging es für Immobilieninvestoren bisher vor allem darum, ertragreiche Immobilien zu finden. Aber wir können beobachten, dass den Investoren die Sicherheit zunehmend wichtiger wird als die Rendite. Politisch und wirtschaftlich stabile Märkte wie Skandinavien können von dieser Entwicklung profitieren. Ebenso auch hochwertige Immobilien in europäischen Hauptstädten.

Worin liegen an der Schwelle zum Jahr 2020 die größten Herausforderungen für die Wirtschaft der Region?

Die unsichere politische Lage ist überall spürbar und wird noch lange eine große Rolle spielen. Der Brexit kann einen Schock auslösen oder dem Markt einen Schub verleihen, wenn er reibungslos vollzogen wird. Die Situation in Italien hat sich wieder beruhigt, aber eine nachhaltige Lösung steht noch aus. In Spanien ist bisher noch keine Regierungsbildung gelungen und Deutschland verabschiedet sich demnächst mit Angela Merkel eine Regierungschefin mit der zweitlängsten Amtszeit in der Geschichte Deutschlands. Dort wächst die Angst vor einer Rezession und man fragt sich, ob es der Regierung endlich gelingen wird, sich von ihrer Fixierung auf die „schwarze Null“ eines ausgeglichenen Haushalts zu lösen.

Die eskalierenden Handelskonflikte sind ein großes Risiko, vor allem wenn sie in Währungskriege übergehen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass protektionistische und populistische Bestrebungen auf dem Rückzug wären, und die US-Handelspolitik bleibt unkalkulierbar, solange Präsident Trump am Ruder sitzt.

Für Investoren im Immobilienbereich addiert sich dies in den kommenden Monaten zu einem hohen Maß an Unsicherheit. Nie zuvor war es wichtiger, kurzfristige Entwicklungen zu verstehen und gleichzeitig eine langfristige Perspektive einzunehmen.