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Logistik digital – wie Nürnberg zum Vorreiter für hochmoderne Lager- und Transportwirtschaft wird

Robby ist zwar nicht besonders gesprächig, aber emsig. Er weiß, welche Regale er anzufahren hat, schultert schwere Transportkisten ohne Ächzen und hat einen guten Orientierungssinn. Konzentrationsschwächen Fehlanzeige. Seine Ladung liefert er IMMER pünktlich auf die geplante Sekunde am Verpackungsort ab. Robby ist ein „Smart Transport Roboter“, der eher einem selbstfahrenden Regal oder Container gleicht als unserem gängigen Roboterbild.

Zum Einsatz kommt er in Wackersdorf bei Schwandorf in der Metropolregion Nürnberg, von wo aus BMW seine internationalen Montage- und Produktionswerke mit Autoteilen versorgt und einen Innovationspark für Smart Logistics eingerichtet hat.

     

     

Nürnberg als Wissensstandort für Logistik-Lösungen der Zukunft

Und Robby ist nicht das einzige innovative Transport-, Verkehrs- und Logistikprojekt in der Metropolregion. Bekannt ist vor allem die fahrerlose U-Bahn, die erste ihrer Art in Deutschland, bisher auch noch die einzige und höchstwahrscheinlich auch die pünktlichste. Doch nicht nur die großen Visionen, sondern eine Vielzahl kleinerer Projekte und die äußerst produktive Zusammenarbeit von Politik, Forschung und Unternehmen, haben Nürnberg zu einem Innovationstreiber und Wissensstandort für Logistik-Lösungen der Zukunft gemacht.

Im Fokus stehen dabei vor allem umweltschonende Konzepte, die auf intermodalen Lieferketten basieren und auch den Einsatz von Elektrofahrzeugen stärker als bisher einbeziehen. Ein smarter Feldversuch in diesem Bereich läuft aktuell im Nürnberger Stadtgebiet:

Lastenräder und Mikrodepots

Lastenräder sind bereits in vielerlei Munde und auch in einigen Städten im Einsatz, die praktische Anwendung ist deutschlandweit aber – vor allem im Zusammenhang mit Mikrodepots – noch wenig verbreitet. Seit mittlerweile über einem Jahr erproben DPD und GLS in der Frankenmetropole eine der vielversprechendsten Zukunftslösungen für die letzte Meile. Für die Innenstadt bestimmte Pakete werden an zentralen „Zwischenlagern“ gesammelt – in Nürnberg werden vor allem leerstehende Gewerbeimmobilien als Mikrodepots genutzt und bekommen somit eine neue Aufgabe oder vielmehr Funktion als Drehscheibe im Kleinen. Von hier holen die Zusteller die Waren per Elektro-Rad mit Transportanhänger ab, bei kürzeren Wegen auch mit der Sackkarre, und bringen diese zu ihrem endgültigen Bestimmungsort. Und hierbei geht es nicht nur um Lieferungen für den Privatbesteller, sondern vor allem auch für die zahlreichen Einzelhandelsgeschäfte entlang der Einkaufsstraßen. Das entlastet nicht nur den Verkehr erheblich, sondern rechnet sich sowohl ökologisch als auch ökonomisch.  In Großstädten könnten etwa 30 Prozent der Kleinlaster durch Lastenfahrräder ersetzt werden – ein Einsparpotenzial im zweistelligen Bereich. Davon ist Ralf Bogdani von der TH Nürnberg, die das Projekt wissenschaftlich begleitet, überzeugt. Immerhin wurden mit 5000 per Fahrrad zugestellten Paketen jetzt schon deutlich mehr ausgeliefert, als in der Simulation vorab noch angenommen.

Pick-by-Local-Light – einleuchtende Intralogistik

Auch im Bereich der Intralogistik tut sich was in den Lagern und Forschungseinrichtungen der Metropolregion. Im Teile-Logistikcenter von BSH Hausgeräte in Fürth wurde bereits vor einiger Zeit eine Kommissionier-Entwicklung der Fraunhofer-Arbeitsgruppe Supply Chain Services erfolgreich getestet. Das gab den Startschuss, das neuartige Pick-by-Local-Light-System zur Marktreife zu bringen. Bereits existierende Pick-by-Light-Techniken bringen hohen Installationsaufwand und niedrige Batterielaufzeiten mit sich. Das neue System des Nürnberger Fraunhofer Instituts setzt auf energiesparende, drahtlose Sensornetze, die sich selbst organisieren und sich einfach an den Regalen anbringen lassen – für eine schnelle Anpassung von Fächern oder Umrüstung ganzer Lagerbereiche.

Mehr Sicherheit in der Luftfracht – dank digitalem Fortschritt

Als Vorzeigestandort für die Verschmelzung sämtlicher möglicher Verkehrswege – Straße, Schiene, Wasser, Luft – dürfen auch Zukunftslösungen für die Luftfracht nicht fehlen. Das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS hat jetzt die neuen digitalen Möglichkeiten genutzt, um mehr Sicherheit in den logistischen Luftverkehr zu bringen. CairGoLution ermöglicht eine ständige Statusüberwachung der in der Luftfracht üblichen Ladungsträger, Unit Load Devices. Ein Monitoring-System, basierend auf der Fraunhofer-Technologie s-net, erkennt unautorisierte Zugriffe und schlägt in diesem Fall sofort Alarm – und das über möglichst den gesamten Zeitraum und die gesamte Kette der Lieferung hinweg. Dank speziell entwickeltem Energy-Harvesting-Modul, das Strom aus geringen Lichtquellen gewinnt, ist das auch möglich.

Wo Forschung und praktische Notwendigkeit ineinandergreifen

Feldversuche zur letzten Meile oder hochentwickelte Lösungen für die Luftfracht – warum passiert so viel Logistik-Innovation in der Metropolregion? Ist es der Mix aus Tradition als Ideen- und Erfinderstadt und der Lage an internationalen Verkehrsknotenpunkten? Hinzu kommt das Leitbild: Der Ausbau der logistischen Kompetenzen und auch der Kapazitäten ist für Nürnberg ein Schlüsselthema bei der Zukunftssicherung des Wirtschaftsstandortes.

Letztendlich sind die Ursachen aber auch weniger entscheidend. Worauf es ankommt, ist der Nutzen, den ansässige Unternehmen der Logistikbranche am Standort Nürnberg haben – man ist direkt mit, meist auch staatlich geförderter, Forschung verbunden. Einrichtungen wie das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen oder die Technische Hochschule geben die Möglichkeit, eigene Versuchsprojekte zu starten und Subventionen zu erhalten. Oder unterstützen bei der Analyse und Nutzung von logistischen Big Data, wie die Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services. Das ist – neben des hervorragenden Verkehrswegenetzes – ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Gerade heute, wo die Logistik mehr denn je im Umbruch ist und mit großen Schritten in eine digitale Zukunft geht.

Die Chance, frühzeitig von Innovationen Wind zu bekommen oder sogar aktiver Teil davon zu sein und damit der Konkurrenz voraus, ist hier also durchaus höher als in anderen Logistikregionen.