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SBTi-Leitfaden für den Gebäudesektor

Initiative zur Dekarbonisierung von Immobilien

11. Dezember 2023

Juliette Medana

Directrice Conseil en Développement Durable - Europe Continentale
+33 (0)6 30 00 29 85

Constantin Franz

Associate Sustainability Business Development
+49 1515 6739564

Ende November hat die „Science Based Targets initiative“ (SBTi) den Gebäudesektorsleitfaden für Pilotversuche nach einer öffentlichen Konsultation veröffentlicht. Die Initiative fördert und überprüft wissenschaftlich fundierte Klimaschutzziele in Unternehmen, mit dem Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5 bis 2 Grad Celsius zu begrenzen. Der SBTi-Leitfaden für den Gebäudesektor enthält dabei spezifische Anforderungen und Empfehlungen für Unternehmen in der Immobilienbranche. Kolleg:innen von JLL waren Teil der Expertengruppe für die Entwicklung dieser Richtlinie. 

Die wichtigsten Punkte des Gebäudesektorleitfadens:

CO2-Ziele für den Gesamtverbrauch von Immobilien sowie Ziele für graue Emissionen von Neubauten sind verpflichtend, während die Berücksichtigung von Zielen für graue Emissionen aus Sanierungen empfohlen wird. Das bedeutet, dass die Beteiligung von Mietern und die Analyse von grauen Emissionen aus allen Bautätigkeiten entscheidend   sind.

„Carbon Risk Real Estate Monitor“ (CRREM) ist die bevorzugte Messgröße für betriebliche CO2-Ziele. Während der Pilotphase werden sowohl standortbasierte (Netz-Durchschnitte) als auch marktbasierte (Berücksichtigung von Ökostrom) Emissionsfaktoren für die CO2-Messung zulässig sein.

Wirtschaftlich gesehen wird dies die Standardisierung des Marktes sowie einen Ansatz zur Dekarbonisierung von Immobilien für das gesamte Gebäude und den gesamten Lebenszyklus fördern. Dies dürfte dort zu Herausforderungen führen, wo Eigentümer nur eine geringe Kontrolle über den Betrieb von Gebäuden haben – in fast allen Sektoren außer Bürogebäuden mit mehreren Mietern.

In Gebieten mit geringem Anteil erneuerbarer Energien am Netz und begrenzter Verfügbarkeit von nachhaltigen Bauprodukten wird es ebenfalls zu Herausforderungen kommen.

1)    Emissionen im Fokus:

Der Leitfaden zielt auf die wesentlichsten Emissionsquellen ab, die im Gebäudesektor vorkommen, wie z. B. betriebliche und graue Emissionen. Unternehmen müssen die betrieblichen Emissionen eines gesamten Gebäudes berücksichtigen, sowohl die vom Vermieter als auch die vom Mieter kontrollierte Flächen abdecken. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Vermieter, den Mieter, den Kreditgeber oder einen anderen relevanten Akteur innerhalb der Wertschöpfungskette des Gebäudes handelt. Hinsichtlich grauer Emissionen hat die SBTi  derzeit nur Dekarbonisierungspfade für Neubauten veröffentlicht. Die Berücksichtigung von grauen Emissionen aus Sanierungen oder Fit-Outs wird dennoch empfohlen. Die Reduktion dieser Emissionen in Übereinstimmung mit dem 1,5 Grad-Ziel kann durch eine sektorübergreifende Zielsetzungsmethodik erreicht werden.

2)    Zielsetzung und Methoden:

Hinsichtlich betrieblicher CO2-Emissionen empfiehlt die SBTi Dekarbonisierungspfade für den Gesamtverbrauch von Gebäuden, die sich an CRREM (v2 - neueste Version) orientieren und den gleichen Ansatz für Gebäudetypologien und Geografien verwenden. Der Leitfaden für den Sektor schreibt einen standortbasierten Ansatz für die Berichterstattung und Zielverfolgung vor, bei dem Unternehmen durchschnittliche Netzemissionsfaktoren verwenden müssen, um ihre Emissionen aus der Energienutzung zu erfassen. Während der Pilotphase wird die SBTi den Unternehmen jedoch die Möglichkeit geben, zwischen standort- und marktbasierten Methoden zu wählen, um die Ziele zu erreichen. Die Dekarbonisierungspfade für graue Emissionen, die ausschließlich auf den Neubau anwendbar sind, wurden in Zusammenarbeit mit „ Ramboll“ entwickelt. Im Gegensatz zu den betrieblichen CO2-Emissionen wird ein einziger globaler Dekarbonisierungspfad für vier Assetklassen empfohlen: Wohnen, Büro, Einzelhandel und Sonstige. Zulässige Methoden für alle Emissionsquellen können den Tabellen 2a, 2b und 2c, ab Seite 16 im Leitfaden entnommen werden.

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3)    Weitere Kriterien

Unternehmen, die mehrere Assets (ver)kaufen und dadurch einen hohen Turnover in ihrem Portfolio haben, können sich, im Unterschied zu jenen mit Basisjahr-Zielbestimmungen, verbindliche Intensitätsziele auferlegen, die sich an den Pfaden zur Dekarbonisierung im Gebäudesektor ausrichten. Um den Ansprüchen dieser spezifischen Zielsetzungsmethode gerecht zu werden, müssen jedoch bestimmte Kriterien erfüllt sein (siehe Leitlinien, Abschnitt 6.5.3, Seite 73).

Zunächst Unternehmen für die Pilotphase gesucht: Die SBTi sucht bis zu 15 Unternehmen, die sich an der Pilotphase des Leitfadens beteiligen möchten. Interessierte Unternehmen können sich bis zum 10. Dezember 2023 über dieses Formular bewerben. Der Pilottest wird voraussichtlich bis Februar 2024 laufen. Im Anschluss werden die endgültigen Leitlinien und Tools veröffentlicht.

Was bedeutet der SBTi-Leitfaden für Unternehmen? Unternehmen, die im Bereich der Immobilienwirtschaft agieren und sich „Science-based Targets“ (SBT) setzen, bestehende Ziele überdenken oder ihre Net-Zero-Strategien präzisieren möchten, sollten die neuen Richtlinien befolgen. Ab dem Zeitpunkt der endgültigen Veröffentlichung der Leitlinien besteht eine Übergangsfrist von sechs Monaten, für diejenigen, die diese benötigen. Wer sich schon jetzt mit den Themen auseinandersetzt, ist gut vorbereitet.

Gemeinsam für die Dekarbonisierung der Immobilienbranche: Die Zusammenarbeit der beiden wichtigsten Zielsetzungs-Initiativen, die SBTi und CRREM, wurde von der Immobilienbranche positiv aufgenommen, da CRREM inzwischen das führende Bewertungsinstrument für Net-Zero Gebäudestrategien ist. Die wachsende Bedeutung von CRREM zeigt sich auch in seiner Integration in andere Standards wie den „Partnership for Carbon Accounting Financials“ (PCAF) und den „Global Real Estate Sustainability Benchmark“ (GRESB). Die Erstellung spezieller Leitlinien und Kriterien für den Immobiliensektor gewährleistet, dass sich die Bemühungen zur Dekarbonisierung auf die wichtigsten Emissionsquellen konzentrieren. Des Weiteren schafft die vorgeschriebene Betrachtung der gesamten Gebäudeemissionen Anreize für eine bessere Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten.

Einschränkungen: Zunächst wirft die mangelnde Verfügbarkeit von länderspezifischen Dekarbonisierungspfaden für operative und graue Emissionen Fragen zur Anwendbarkeit und Erreichbarkeit der global vorgeschlagenen Pfade auf. Für Gebäude, die in keine der verfügbaren Assetklassen oder Länder fallen, sieht der Leitfaden den Einsatz einer Sammelkategorie „Sonstige“ vor. Die „Sonstige“-Pfade werden aus dem verbleibenden globalen CO2-Budget und den prognostizierten Flächenentwicklungen für die Regionen abgeleitet, die derzeit über keinen CRREM-Pfad verfügen. Der Pfad für die Kategorie „Sonstige“ der grauen Emissionen für nicht abgedeckte Assetklassen wird auf ähnliche Weise entwickelt, wobei der globale Dekarbonisierungspfad auf den projizierten Nichtwohngebäudebestand verkleinert wird, der nach Berücksichtigung von Büros und Einzelhandel verbleibt.

Darüber hinaus herrscht noch Unklarheit darüber, wie diese neuen Vorgaben die Optimierung der Ressourcennutzung und die Förderung von Energieeffizienz und umfangreichen Sanierungen besser unterstützen können, die der gegenwärtige Gebäudebestand so dringend benötigt. Die Wiedereinführung des marktbasierten Ansatzes ohne zusätzliche Kriterien könnte dazu führen, dass weiterhin auf minderwertige erneuerbare Energien gesetzt wird, um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen.

Weitere aktuelle Entwicklungen im Bereich der SBTi: Die SBTi hat kürzlich ihre Definition von SMEs (Small and Medium Enterprises) sowie die Kriterien zur Zielfestlegung aktualisiert. Dadurch erhalten mehr Unternehmen Zugang zum allgemeinen unternehmerischen Weg, anstatt den vereinfachten SME-Weg nutzen zu müssen, der zuvor kritisiert wurde, da er die Zielsetzungsambitionen der Unternehmen einschränkte. Diese neue Definition tritt am 1. Januar 2024 in Kraft. 

Um den Kontext zu verdeutlichen: Auch JLL hat sich an der Konsultation beteiligt und die Sichtweisen aus all unseren globalen Regionen repräsentiert. Dieser Leitfaden hat das Ziel, den Corporate-Net-Zero-Standard der Initiative, ausgerichtet auf Unternehmen im Immobiliensektor, ergänzen und in gewisser Weise gar zu ersetzen. Eine Übersicht über die vorgesehenen Nutzer und Definitionen finden Sie in Tabelle 5 auf Seite 39 des Leitfadens.

Falls Sie diesen neuen Leitfaden umsetzen möchten und dabei Unterstützung benötigen, steht Ihnen das Beratungsteam von JLL Sustainability Consulting zur Verfügung.