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Style wird Standard – “Poshtels” erfinden nicht nur das Budget-Übernachten neu

„ Poshtels “ sind der neue Übernachtungstrend im Budget-Bereich: Hostels galten lange Zeit als das Mekka der Rucksackreisenden und Weltentdecker...

29. März 2017

Hostels galten lange Zeit als das Mekka der Rucksackreisenden und Weltentdecker.

Als Ort der Erinnerung an vergangene wilde Zeiten. Ein wenig schmuddelige, knarzige Erinnerung vielleicht. Aber cool. Und erschwinglich, wenn man jung war und das Geld brauchte. Dann kam die Sharing Economy und mit ihr ein neues Lebens- und Schlafgefühl. Von Couchsurfing bis Airbnb – hauptsache so individuell, authentisch und günstig wie möglich. Doch auch das Urlaubs-Sharen ist längst von gestern.

„Poshtels“ sind der neue Übernachtungstrend im Budget-Bereich.

Was klingt wie eine schwäbische Post-Filiale, hat längst cool und lässig Einzug gehalten in die beliebtesten Metropolen. Und etabliert sich immer sichtbarer als Alternative zu teuren Hotels oder Sharing-Economy-Angeboten. Unterkünfte wie das Berliner „Wallyard“ zeigen, dass der urban designte Mix aus „Posh“ (schick) und „Hostel“ fasziniert und als luxuriöse Budget-Lösung äußerst erfolgreich funktioniert. Stylische Einrichtung und cooles Design statt pragmatischer Eintönigkeit und Tristesse. Symbiose von Herbergen-Geselligkeit und Millennial-Hippness. Nicht nur Schlafplatz, sondern oft auch Café, Kunstsalon und Fahrradverleih – manchmal inklusive Dachterrasse oder Pool.

Ein richtiges Hostel-Hack also mit viel größerem Zielgruppen-Potenzial als sein Vorgänger. Poshtels ziehen auch Familien oder hippe DINKs und jung gebliebene ältere Gäste an. Und auch die Rucksackreisenden sind nicht mehr die Hostel-Tramper-Backpacker der Nuller-Jahre, sondern touren individuell mit Laptop und Smartphone und haben damit ganz andere Ansprüche und Geschmäcker. Das bleibt nicht ohne Wirkung: Auch die klassische Hotellerie und Ketten wie AccorHotels (Joe & Joe) sind mittlerweile in die Nische eingestiegen.

Werden Poshtels zum Standard in der Budget-Hotellerie?

„Der Trend, Zimmer in zeitgemäßem Design zu erschwinglichen Preisen anzubieten – ob als Boutique-Hotel oder eben als Hostel – hat auf jeden Fall Einzug gehalten in den Markt“, sagt Heidi Schmidtke, Executive Vice President bei JLL‘s Hotels & Hospitality Group. „Neben immer trendigeren Hostelprodukten (z.B. Meininger, Generator) haben auch bekannte Hotelketten im Budget- oder Lifestylesegment wie Motel One, 25hours, CitizenM, prizeotel oder auch Ruby ihre Marke und Produkte bereits genau danach entwickelt. Accor – eine der weltweit bedeutendsten Hotelketten – geht hier als einer der ersten großen Anbieter sogar noch einen Schritt weiter und bietet mit seiner Marke Joe & Joe neben Zimmern für den Geschäftsreisende eben auch ganz hostel-like Mehrbettzimmer an – ein klares Indiz dafür, dass der Trend im Markt angekommen ist.“

Doch wie verträgt sich das mit der Local-Atmosphäre, die Hostels auszeichnet? Geht das durch den Einstieg der großen Hotelketten nicht verloren? „Nicht unbedingt“, sagt Heidi Schmidtke. „Wer gezielt Authentizität lebt, Mitarbeiter mit starkem lokalem Know-How einstellt und mit seinem Interior – insbesondere in den öffentlichen und gemeinschaftlich genutzten Bereichen – kreativ den Standort aufgreift (z.B. im 25hours Hafencity in Hamburg u.a. mit dem Thema Hafen / Schiffe / Schiffscontainer), gibt den Gästen auch weiterhin das Gefühl, Teil des lokalen, urbanen Geschehens und damit individuell zu sein “

Auch Gastronomie und Retail setzen auf Design, das anzieht

Das „Poshtel“-Konzept setzt seinen Schwerpunkt generell auf die attraktive Gestaltung von Gemeinschaftsflächen. Orte zu schaffen, zu denen man gerne kommt und an denen man etwas „erlebt“, wird auch in der Gastro- und Retailszene immer wichtiger. „Wer hätte anfangs gedacht, dass junge Leute zwischen Kunstbirkenstämmen und auf Bänken sitzen wollen wie bei der erfolgreichen Burger-Kette Hans im Glück?“, sagt Dirk Wicher, Head of Retail Leasing JLL Germany. Style innerhalb des Restaurants soll die Brücke schlagen zur Qualität der angebotenen Speisen und Getränke. „Und da muss heute mehr gemacht werden als nur die weiße Tischdecke“, so Wichner weiter. „In puncto Inneneinrichtung zählt Kreativität und Coolness – nicht der Preis. Einer der besten Sushi-Läden in Berlin hat zum Beispiel nur Gartenbänke vor der Theke stehen. Aber das kommt an. Die „gutbürgerliche Tischdecken-Mitte“ ist den Gästen zu langweilig geworden.“

Und genau diese Strategie ist es auch, mit der der stationäre Einzelhandel dem E-Commerce begegnet. Dirk Wichner: „Ohne seinen aufwendigen Ladenbau hätte Abercrombie nie in dem Maße auf sich aufmerksam machen und damit letztendlich auch im Online-Store erfolgreich sein können.“ Teilweise kann der neue Style auch nicht „verrückt“ genug sein. „Der Mailänder Laden des niederländischen Designerduos Victor & Rolf, in dem alles auf dem Kopf steht, die Lampen aus dem Fußboden wachsen und Couch und Stühle an der Decke kleben, steht sogar in Reiseführern.“

Vom „Poshtel“ zum „Poshice“

Doch ist das Poshtel wirklich sein ganz eigener Trend oder nur Hotel- und Gastro-Branchen-Symptom eines sich durch viele weitere Lebensbereiche ziehenden Urban Style Trends? „Auch Unternehmen wollen weg vom 0815 Standard Büroausbau mit weißen Gipskartonwänden und grauem Nadelfilz-Teppichboden“, sagt Christian Krauss, Team Leader Workplace Strategy JLL Germany. „Das Büro soll passend zu den Arbeitsplatzkonzepten eine Mischung aus

Work & Life darstellen. Vor allem der Wohlfühl-Aspekt spielt eine immer größere Rolle, da gerade die jungen Mitarbeiter einen Großteil ihrer Zeit im Büro verbringen.“ Dabei gibt der als herrlich unvollendet empfundene Industrial Chic ein „Wir-denken-kreativ“-Gefühl, multifunktionale Bauteile wie z.B. beschreibbare Wände machen die Fläche flexibel und nutzbar in allen Dimensionen. Christian Krauss: „Neben der Prämisse auf „form follows function“ und sinnvoller Einbindung der Technik zählt auch der Nachhaltigkeitsaspekt immer mehr. Wenn man Möbeln und Materialien ein zweites Leben schenkt – ob Second Hand oder Sitzgelegenheiten aus Altholzpaletten – kommt das bei Mitarbeitern und Kunden gut an.“

„Der Trend ist aber schon länger erkennbar“, so Krauss. „Und zwar nicht nur bei Startups, sondern auch bei großen etablierten Unternehmen wie SAP, die neben ihrem klassischen Headquarter in Walldorf das innovative AppHouse in Heidelberg eröffnet haben. Generell geht es bei beiden ähnlich wie beim Poshtel vor allem um eins: Der individuelle Rückzugsraum in Form von Einzelbüros wird kleiner, die Allgemeinfläche lädt zum Miteinander, zum Co-Working ein. Dem trägt dann logischerweise auch die Einrichtung Rechnung.“

Auch Investments und Portfolien werden „stylischer“

Was beim „End-Verbraucher“, Mitarbeitern, Unternehmen und Branchen langfristig ankommt, wird auch als Investment immer ernst zu nehmender. Heidi Schmidtke: „Aufgrund der hohen Profitabilität, Zukunftsrelevanz und der oftmals guten Lagen der Immobilien sind Poshtel-Produkte wie die Budgethotels bereits Teil von Immobilienportfolien und werden dies aufgrund der starken Ausweitung der Konzepte auch noch immer stärker werden. Das belegen nicht zuletzt die jüngsten Transkationen. So konnten wir den US-Finanzinvestor TPG bei dem Anfang 2017 publik gemachten Ankauf der Hostelplattform A&O begleiten, die mit 31 Häusern über mehr als 20.000 Betten in Europa verfügt. Ebenfalls zu Beginn dieses Jahres  erfolgte der Erwerb von Generator Hostels (rund 8.600 Betten in Europa) durch den Private Equity Fund Manager Queensgate.“

Und auch Büro-Investoren richten ihre Portfolien vermehrt auf Immobilien aus, die den modernen Arbeitskonzepten und der Digitalisierung gerecht werden. „Denn die Nutzer-Zielgruppen sind lange nicht mehr nur die „nicht-so-liquiden“ Startups, sondern auch die großen Player, welche die Art von Arbeit, Austausch und geschäftlichem Reisen erkannt haben und diese ebenfalls übernehmen müssen und vor allen WOLLEN“, sagt Christian Krauss.

Es sieht also alles danach aus, dass wir uns zukünftig noch flächendeckender über Budget Lobbys im Urban Chic, Design-Staunen beim Shoppen und inspirierende Büros freuen dürfen. Ob Poshtels oder die trendigen Co-Working Spaces zuerst da waren ist wie bei der Henne und dem Ei letztendlich egal. Die neuen Style-Konzepte sind schön fürs Auge und machen Spaß – sowohl beim Urlauben als auch beim Arbeiten.