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Schnelligkeit zählt im Logistik-Geschäft. Wo tickt die Drehscheibe besonders schnell? 3 Fragen an Frank Weber

Bremen, Nürnberg, Rhein-Neckar, Leipzig-Halle, Ruhrgebiet - was zieht Nutzer an und wo liegen Logistik-Schwerpunkt und Zukunftspotenzial der fünf Regionen?

27. Juli 2017

Bremen, Nürnberg, Rhein-Neckar, Leipzig-Halle und das Ruhrgebiet könnten gar nicht verstreuter über die Bundesrepublik verteilt liegen. Und doch haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie sind absolut zentral für ihre jeweilige Region und bieten schnellen und weniger verkehrsverstopften Zugang zu Häfen, Rollbahnen und Fernautobahnkreuzen. Und bündeln deshalb bevorzugt Waren und Lieferungen für den Weitertransport. Gateway und Regionenversorger – das hat auch mit Blick auf den wachsenden Bedarf an Same Day Delivery besondere Zukunftsrelevanz. Wir finden, das ist einen tieferen Blick in die genannten Standorte wert. Was zieht Nutzer hier an und wo liegen Logistik-Schwerpunkt und Zukunftspotenzial der fünf Regionen? Frank Weber, Head of Industrial Agency JLL Germany, gibt einen ersten Überblick – 3 Fragen, 3 Antworten:

Gute Infrastruktur, wenn auch oft verkehrsüberlastete, bieten auch die Big 5 Logistikstandorte. Was ist es darüber hinaus, das die Nachfrage außerhalb dieser, beispielsweise in Nürnberg, Leipzig-Halle und im Ruhrgebiet, treibt?

Die Logistik-Hotspots außerhalb der BIG 5 überzeugen durch die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal, der ausgesprochen verkehrsgünstigen Lage, den vergleichsweise angemessenen Grundstückspreisen (für Projektentwickler) und Mieten sowie einem leistungsfähigen Arbeitsmarkt. Gerade die Frage der Verfügbarkeit von ausreichend logistisch geschultem Personal wird immer kritischer für Kontraktlogistiker und Online-Retailer – vor allem in Gebieten mit einer dominanten Automobil-Industrie und den dortigen Lohnniveaus. Insofern spielt das Mitarbeiter-Potential eine zunehmende Rolle bei Standortentscheidungen – und hier liegen die genannten Regionen noch gut im Rennen. Allen voran Nürnberg: Denn aufgrund der dortigen Branchenvielfalt schöpfen Unternehmen aus einer breitgefächerten Auswahl an ausgebildetem Personal, was dem Logistikbereich mit circa 22.000 permanent Beschäftigten spürbar entgegen kommt.

Der Onlinehandel wächst schon lange – und im Moment lässt das vor allem die Kundenerwartungen immer anspruchsvoller werden. Die Nachfrage nach einer Lieferung noch am gleichen Tag steigt. Und damit auch der Bedarf an und das Muss zur Einrichtung regionaler und örtlicher Vertriebsdepots in direkter Nähe zum Kunden. Die International Data Cooperation (IDC) prognostizierte im vergangenen Jahr, dass 50% der Hersteller europaweit die Einrichtung von Mikrologistik-Netzwerken mit Bestandslagern vor Ort prüfen. Ist dieser Trend spürbar von Bremen über Nürnberg bis Rhein-Neckar?

Früher – das kennen wir noch – war der Raum hinter dem Tresen im Ladengeschäft das Lager für die weiteren Größen oder Farben (denken wir nur an Schuhe). Heute ist die Logistikfläche im Retailbereich teuer und wertvoll, darum wird sie weitgehend reduziert. Ob daraus eine parallele „Kleinlager-Logistik-Infrastruktur“ erwächst, muss man abwarten. Im Bereich Textil oder Elektro oder Schuhe werden ja bisher weitere Filialen (wenn vorhanden) abgefragt, ob ein bestimmter Artikel verfügbar ist. Filialen poolen also (bewusst oder zufällig) Artikelbestände. Wir sind aber überzeugt, dass diese kooperative Verhaltensweise unter Filialen einer Retail-Marke Schule machen könnte für gemeinsam genutzte Mikro-Lager eines Anbieters für verschiedene Kunden – wie es im Grunde bei Self-Storage auch der Fall ist.

Gerade in den Big 5 weichen Logistikunternehmen auf Lagersuche immer mehr in die angrenzenden Umlandregionen aus. Stellen die oben genannten Regionen für die Nutzer mögliche Alternativen dar? Oder gibt es wohlüberlegte Unterschiede?

Wie gesehen sind die außerhalb der BIG 5 liegenden Logistik-Regionen aufgrund der Grundstückssituation (Verfügbarkeit, Preise), aber auch aufgrund der Infrastruktur und der Arbeitskräftepotentiale eine interessante Alternative, wenn nicht zwingend – wie z.B. für die Ballungsraumversorgung (Same Day, Same Hour Delivery) – eine größere Nähe gewünscht ist. Insofern gibt es womöglich eine Tendenz zur „logistischen Arbeitsteilung“ – die Regionen außerhalb der BIG 5 sind für überregionale Verteil-Aufgaben und langfristigere Produktions-Logistik attraktiv, während die BIG 5 margenstärkere Zustellungen für die Ballungsräume übernehmen, bei denen die höheren Preise (Grundstücke, Mieten, Löhne) kompensiert werden können. Zustellungen auf der letzten Meile werden auf diese Weise vielleicht auch teurer.