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Architektur bleibt zwischen Kostendruck und Regulierung unverzichtbar

Früher etablierten Architekturstile ganze Epochen, heute ist es eher ruhig geworden um solche Bewegungen. Welche Rolle spielt der Kulturstifter Architektur noch zwischen Regulierung und harter Marktrealität?

09. Januar 2020

Vor einem Jahrhundert begann mit der Eröffnung des Bauhauses in Dessau die Geschichte einer der wichtigsten deutschen Architekturbewegungen – des Bauhausstils. Doch während sich seinerzeit ganze Bewegungen um neue Architekturansätze gebildet haben, scheint die Gestaltung des Baus ihre Relevanz an andere Wirkungsgrößen einzubüßen. Beispielsweise ist die Entwicklung der Baukosten über die vergangenen zehn Jahre weitaus präsenter als etwa das gerade zurückliegende Jubiläum eine der markantesten Architekturbewegungen des vorigen Jahrhunderts.

Mit dem Bauhaus entstand eine bis in die heutige Zeit wirkende Architektur, die sich mehr als Lebensgestalter und nicht mehr nur als Raumgestalter verstand. Dieses Dogma hatte Einfluss auf fast alle darauffolgenden Architekturstile und -bewegungen, die auch bis heute noch Bestand haben. Allerdings haben wir nun neue komplexe Wirkungsfelder, die immer stärker in den Fokus der Bautreibenden rücken. Haben Politik und Wirtschaftlichkeit das Zepter der größten Einflussgröße im zeitgemäßen Bauen aus den Händen der Architektur übernommen?

Masse oder Klasse

Der Ausdruck „Masse oder Klasse“ steht für eine zunehmende Polarisierung der Angebot vs. Nachfrage-Thematik. Besonders im Wohnsegment spielt dabei die emotionale Komponente eine entscheidende Rolle und wird zum Treiber eines sozialpolitischen Diskurses. Der Wunschanspruch dabei ist natürlich eine hohe Ausnutzung des Grundstückes und eine Umsetzung von möglichst viel Fläche. Gleichfalls ist eine außergewöhnliche Architektur gefragt, die nicht „von der Stange“ ist. Dieser Wunsch gilt übergreifend für alle Assetklassen.

Dabei stehen sich auf den ersten Blick in der Entwicklung eines Gebäudes mehrere Parteien mit unterschiedlichen Interessen gegenüber. Auf der einen Seite die Projektbeteiligten wie Eigentümer und Entwickler, die bezogen auf Baumasse und Erträge eine hohe Wirtschaftlichkeit bei möglichst hoher Kostenersparnis erzielen möchten. Auf der anderen Seite die Endnutzer des Gebäudes, die einen hohen Komfort zu moderaten Preiskonditionen anstreben. Ein gemeinsamer Nenner ist in jedem Fall der Qualitätsanspruch. Selbst unter wirtschaftlichen Aspekten kann eine gehobene Qualität in der Architektursprache wie auch der Ausstattung bei einem Verkauf lukrativ sein.

Baukunst lässt sich schwer in Zahlen fassen

Vergleichbar mit jeglichen Konsumartikeln des täglichen Bedarfs ist auch bei Immobilien die „Marke“ ein Hebel der Wertsteigerung, in diesem Fall ist sie das ausführende Architekturbüro. Vor diesem Hintergrund ist auch mit den zunehmenden öffentlichen Ausschreibungen im Planungswettbewerb nicht verwunderlich, dass vor allem große und publikumswirksame Projekte an international renommierte Architekturbüros wie z.B. BIG, Zaha Hadid, Herzog & De Meuron, Hadi Teherani oder Libeskind vergeben werden.

Ungeachtet der persönlichen Präferenzen wird von den einflussreichen Architekturbüros ein hohes Maß an Qualität und Formsprache bzw. außergewöhnlicher Architektur entworfen und realisiert. Der Wettbewerb zwischen den Akteuren fordert dabei keine „Standardarchitektur“ ein, sondern maßgeschneiderte Konzepte.

Maßgeschneiderte Konzepte oder gute Architektur lassen sich wiederum bei der Wertermittlung einer Immobilie nur schwer fassen oder bewerten, werden jedoch vorausgesetzt. Gute Qualität kann in Form von gehobener Ausstattung, besseren Materialien, moderner Gebäudetechnik etc. gemessen werden, was zum Beispiel in höhere Mieterträge einfließen kann.

Besonders aufwendige Grundrissplanungen, Wiedererkennungswert und das Architekturbüro als Marke lassen sich dagegen nicht direkt quantifizieren. Dennoch haben sie indirekt Einfluss auf den Preis der Immobilie. Sicherlich würde daher beispielswiese ein Bosco Verticale in Mailand, ein Burj al Arab in Dubai oder ein Hundertwasserhaus in Wien bei einem fiktiven Verkauf einen „Liebhaberpreis“ erzielen. Insgesamt gesehen tritt dieser Effekt jedoch bei der breiten Masse der schlichteren Immobilien nicht so ausgeprägt auf, wenn überhaupt.

Eine prägende Architektur ist ein Faktor für die Bekanntheit, Beliebtheit und damit auch für die eventuelle Bereitschaft eines Käufers, den Liebhaberpreis zu zahlen.

Die Architektur wird sich behaupten

Selbst mit der großen Vielfalt an Architekturgeschmäckern wird sich durchdachte, prägende und nutzeroptimierte Architektur langfristig immer durchsetzen und so eine Nachhaltigkeit in der Wertermittlung sicherstellen. Rund um die Immobilie wirken also zahlreiche Einflüsse. Das sorgt für die stetige Weiterentwicklung, Anpassung und Symbiose aller entscheidenden Schlüsselgrößen. Architektur kann sich durch diesen stetigen Wandel immer wieder neu erfinden und auch zukünftig neue, außergewöhnliche Bauten und Stile hervorbringen.