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Die Corona-Krise könnte die Deutschen zu Lebensmittelbestellern gemacht haben

Bisher hatte die Lebensmittelbestellung im Internet hierzulande einen schweren Stand. Doch die Corona-Erfahrung dürfte langfristige Veränderungen anstoßen.

28. April 2020

Seit der vorletzten Aprilwoche wagt Deutschland die zaghafte Wiederbelebung des niedergelassenen Einzelhandels nach dem Covid 19-Shutdown. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Einkaufsverhalten der Deutschen langfristig verändert hat. Auch wenn der Lebensmittelhandel weitestgehend von Schließung verschont geblieben war, haben viele Bundesbürger in den vergangenen Wochen erste Schritte in die Onlinewelt der Fast Moving Consumer Goods (FMCG) gemacht -  motiviert von der Angst vor Ansteckung und dem beklemmenden Gefühl in den Geschäften. Darunter sicher vielfach die Älteren als Risikogruppe, die gleichzeitig zuvor noch die geringste Affinität für den Online-Handel hatten.

Bisher hatte die Bestellung von Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs einen vergleichsweise schweren Stand in der Bundesrepublik. So entfielen 2018 nur 2,2 Prozent des Umsatzes auf den Online-Handel. Auch das sind bei einer Gesamtsumme von 228 Mrd. Euro zwar erhebliche Beträge, verglichen mit dem Anteil in anderen Warensegmenten aber kaum nennenswerte Größen. Viele Anbieter haben es in der Vergangenheit versucht, den Deutschen die Ins-Haus-Lieferung von Lebensmitteln schmackhaft zu machen, neue digitale Player ebenso wie traditionelle Supermarktketten. Der Erfolg hielt sich zumeist in Grenzen. Viele der Initiativen waren zwischenzeitlich wieder eingestellt worden.

„Die Covid 19-Krise hat die Situation grundlegend verändert. Online-Lieferanten von Lebensmitteln, die früher schon am nächsten oder übernächsten Tag lieferten, mussten ihre Neukunden aufgrund des großen Andrangs zwischenzeitlich schon auf Lieferzeiten von Wochen vertrösten“, beschreibt Frank Weber, Head of Industrial Agency Germany bei JLL, die neue Marktrealität. „Und trotz dieser Schwierigkeiten stellen viele Erstbesteller fest: Die Lebensmittellieferung kann ebenso gut und bequem funktionieren wie die jeder anderen Ware. Diese Erfahrung könnte das Konsumverhalten langfristig verändern.“

Niedergelassene Lebensmittelhändler müssen jetzt rasch handeln

Dabei muss der niedergelassene Einzelhandel keineswegs zum Verlierer werden. Er kann vielmehr seine FMCG-Kompetenz und seine bestehende Infrastruktur dazu nutzen, sich den wachsenden Markt rasch zu erschließen. „Als der Online-Handel seinerzeit schon merklich Fahrt aufgenommen hatte, vernachlässigten viele Niedergelassene die neue Konkurrenz und hielten an den alten Konzepten fest. Jetzt bietet sich ihnen eine zweite Chance, zu den Gewinnern der Digitalisierung zu gehören“, glaubt Weber. Nur schnell und entschieden aktiv werden müsse man jetzt.

Urbane Logistik ist zentrales Handlungsfeld der Stadtplanung

Das gilt aber nicht nur für die Einzelhändler, denn die Warenlogistik der Städte ist schlecht auf weiteres starkes Wachstum des Online-Handels eingestellt. Schon jetzt konfrontiert die Flut der Lieferdienste den Verkehr in den großen Städten mit kaum noch zu bewältigenden Herausforderungen. „Es wird endlich Zeit für einen Paradigmenwechsel in der urbanen Logistik, die zu einem zentralen Maßstab in der Stadtplanung werden muss“, plädiert Weber. So könnte man etwa mit einem Vorrangsprinzip für elektrobetriebene Auslieferungsdienste und der intelligenten Verteilung von Mikrohub-Warenlagern städtische Flächen ganz neu denken.

Frank Weber
Head of Industrial Agency Germany