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Das urbane Dach wird grün – weltweit sprießen green Rooftops in die Höhe

Nutzungsarten und Intentionen bei Dachgärten unterscheiden sich, doch alle Konzepte haben etwas gemeinsam: Sie eröffnen grüne Perspektiven für den dicht besiedelten Raum, unterstützen den Weg zur Kohlenstoffneutralität und steigern die Lebensqualität in Städten.

15. Dezember 2021

Ob einfache Wiesenfläche, sorgfältig gepflegte Gärten oder gar urbane Farmen, in vielen Städten der Welt grünt es auf den Dächern der Gebäude. Laut Marktforschungsunternehmen Technavio wird der Markt für begrünte Dächer mit einer jährlichen Wachstumsrate von 14 Prozent bis 2025 voraussichtlich um 8,8 Milliarden US-Dollar wachsen, und Deutschland gehört mit den USA, Japan, Kanada sowie Singapur zu den größten Märkten für Dachbegrünung. Die wachsende Zahl begrünter Dachflächen ist lange nicht mehr nur auf idealistisch-„grüne“ Initiativen zurückzuführen, sie ist auch das Ergebnis neuer finanzieller Anreize und Regulierungen. „Die Politik der Kommunalverwaltungen ist und bleibt der wichtigste Gamechanger, ohne Vorschriften oder Anreize geht es – noch – nicht. Die Gesetzgeber gewichten dabei unterschiedlich: Soll die Funktion von Gebäudedächern auf ein besseres Mikroklima, natürliche Kühlung, Regenwasser-Management und Biodiverstität abzielen oder eher der intensiven Stromerzeugung durch Photovoltaik-Anlagen dienen? Einige Kommunen setzen bei der Förderung aber auch schon auf die optimale Kombination aus beidem. Wie so oft bei Nachhaltigkeitsfragen sind auch hier viel Augenmaß und weniger Aktionismus gefragt“, sagt Sven Grönwoldt, Team Leader Sustainability & ESG Consulting bei JLL. 

Toronto hat zum Beispiel bereits 2009 Gesetze für Neubauten oder Erweiterungen von mehr als 21.000 Quadratmetern erlassen. Seitdem müssen Entwickler zwischen 20 und 60 Prozent ihrer Gebäude bepflanzen. Zwar können sie sich gegen eine Gebühr dagegen entscheiden, doch nach Angaben der Stadtverwaltung von Toronto tun dies weniger als zehn Prozent. Andere Städte gestalten ihre Vorgaben etwas flexibler, zum Beispiel San Francisco. Dort müssen 15 bis 30 Prozent der Dachfläche neuer Gebäude mit Sonnenkollektoren, Gründächern oder einer Kombination aus beidem ausgestattet werden. Andere Anreize für mehr Gründächer schafft das Steuergutschriftsystem in Philadelphia oder die Regenwasservorschriften der US-Hauptstadt Washington. In Deutschland fördert beispielsweise Hamburg Dachbegrünungsmaßnahmen mit einem Zuschuss von bis zu 100.000 Euro.

Die Idee ist nicht neu. Die ersten grünen Rooftops entstanden bereits vor mehr als 40 Jahren. In deutschen Städten wie Düsseldorf und Stuttgart waren es damals meist Wohltätigkeitsorganisationen oder Wohnungsbaugenossenschaften, die entsprechende Initiativen starteten. Recht neu ist hingegen der breite Konsens darüber, wie wichtig grüne Flecken für die Lebensqualität in dicht besiedelten Gebieten sind, und das Bewusstsein, dass sie die CO2-Belastung reduzieren und deshalb in die Nachhaltigkeitsstrategie der größeren Städte gehören. Von A wie Aachen bis W wie Würzburg bieten mittlerweile mehr als 30 deutsche Städte Förderprogramme mit kostenloser Beratung und finanzieller Unterstützung an, um die Entsiegelung und Begrünung innerhalb innerstädtisch verdichteter Räume voranzutreiben.

Der Bundesverband GebäudeGrün e. V. (BuGG) schätzt die Fläche der begrünten Dachflächen in Deutschland aktuell auf rund 120 Millionen Quadratmeter, allein 2019 sollen rund 7,2 Millionen Quadratmeter hinzugekommen sein. Etwas mehr als drei Millionen Quadratmeter von Deutschlands Gründächern entfallen auf Münchener Dachflächen, die bayerische Hauptstadt ist damit Spitzenreiter mit Blick auf die totale Fläche. Bezogen auf den Gründachindex, Quadratmeter begrüntes Dach pro Einwohner, steht Stuttgart mit 4,1 m2 Gründach pro Einwohner (Durchschnitt liegt bei 1,2 m2) am besten da.

Statussymbol, Nachhaltigkeitsinitiative oder Landleben in der Stadt?

Grünflächen werden vermehrt zu Statussymbolen unter Quartieren oder Metropolen. In London zum Beispiel werden Dachgärten zu einem Merkmal von High-End-Wohnsiedlungen wie dem Islington Square und der Sanierung des Battersea Power Station. In New York bedeckt der Brooklyn Navy Yard 23.000 Quadratmeter Industriedächer mit Vegetation zum Regenwasser-Management. In Kopenhagen beherbergt das Dach einer Müllverbrennungsanlage auf rund 16.000 Quadratmetern den höchsten künstlichen Skihügel der Welt − mit Skipiste und Liftanlagen.

Sicherlich sind dies Ausnahmeprojekte, aber schon weniger ausgefallene Grünflächenlösungen lohnen sich. Sie nehmen bis zu 90 Prozent des Regenwassers auf und geben es nach und nach ab. Dies bindet nicht nur Feinstaub oder Schadstoffe aus der Luft und kühlt sie im Sommer, sondern entlastet auch die städtische Kanalisation. Und sie bieten Tieren, insbesondere in dicht besiedelten Gebieten, wertvollen Lebensraum.

Dachflächen können nicht nur mit niedrigen, trockenheitsangepassten Bodendeckern begrünt werden. Begehbare Dachgärten mit Rasen, Sträuchern und sogar Bäumen schaffen auch in dicht besiedelten Quartieren Erholungsraum für Menschen. Urbanisierung ist ein globaler Megatrend, immer mehr Menschen leben in den Städten dieser Welt. Das Umweltbewusstsein wächst, gleichzeitig die Lust auf ländliches Leben und mehr Gemeinschaft sowie der Appetit auf lokale Produkte. Urban Gardening oder Urban Farming sind Antworten darauf und können auch mitten in der Stadt auf Dächern von Gewerbe- und Wohngebäuden Raum finden. Der Ertrag: regionales, frisches Obst und Gemüse von hoch gelegenen städtischen Farmen.

Agripolis' Nature Urbaine in Paris, eine Farm mit rund 14.000 Quadratmetern Nutzfläche, ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, Landwirtschaft in die städtische Umgebung zu integrieren. In Großbritannien beherbergt der Dachgarten Princesshay des Crown Estate mehr als 300.000 Bienen, deren Honig seit der Einführung im Jahr 2012 im darunter liegenden Einkaufszentrum verkauft wird.

 

 

Sven Grönwoldt,Team Leader Sustainability & ESG Consulting
Sven Grönwoldt
Team Leader Sustainability & ESG Consulting