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Einzelhandel: Schreckgespenst Langeweile?

Kennen wir nicht alle das Gefühl des „Von allem viel zu viel“, gegründet auf der Wahrnehmung, dass sich in Einkaufscentren und Einkaufsstraßen, aber auch in den Geschäften selbst alles irgendwie ähnelt?

24. März 2015

Kennen wir nicht alle das Gefühl des „Von allem viel zu viel“, gegründet auf der Wahrnehmung, dass sich in Einkaufscentren und Einkaufsstraßen, aber auch in den Geschäften selbst alles irgendwie ähnelt? Sieht doch alles sehr ähnlich aus: die Marken, aber auch das, was sich dahinter verbirgt, und das, was uns in den Läden angeboten wird. Deutschlands neues Schreckgespenst im Einzelhandel – die Übersättigung?

Ist der Verbraucher übersättigt? Und gehen deshalb die Frequenzen in Deutschlands Geschäften auf breiter Basis zurück? Fraglos ein Phänomen, das mehr Erklärung als die bloße Fixierung auf die Zuwächse im Online Shopping benötigt. Ist es Zufall, dass die neuen Shopping Center-Eröffnungen in Deutschland nicht mehr die gleiche Wirkung haben wie früher? Wenn es um die Ware geht, sind sich zum Beispiel Textilspezialisten einig, dass zu viel vom Selben im Markt ist. Straucheln deswegen viele etablierte Marken im mittleren Modesegment – dort, wo die Vergleichbarkeit sehr hoch ist und man gegen die schnellen vertikalen Anbieter kaum noch eine Chance hat? Fehlen die Überraschung, der Mut zu Alternativen, ist man zu sehr in alten Denkmodellen gefangen? Benötigt der Markt ein Umdenken und ist eine Bereinigung zu erwarten?

Meiner Einschätzung nach stehen wir vor tiefgreifenden Umwälzungen im Markt. Der Verbraucher hat heute zu jeder Zeit alle Einkaufsoptionen. 24/7, sieben Tage die Woche, online und offline. Die Entscheidung, stationäre Läden zu nutzen, wird noch mehr von der Attraktivität und dem Erlebnisfaktor in den Innenstädten und den Geschäften abhängen. Demzufolge müssen Shopping Center ihre Mieterstruktur überdenken, die Aufenthaltsqualität erhöhen, mehr Erlebnis-Angebot neben dem reinen Shopping ins Programm hieven. Die Stores müssen den Fokus mehr auf Inszenierung als auf reine Warenansammlung in herkömmlichen Einrichtungssystemen legen. Neue Reize sind vonnöten.

Provokant gilt auch festhalten, dass sich manche Alteingesessene entweder neu erfinden oder vom Markt werden zurückziehen müssen. Übersättigung geht eben einher mit Langeweile. Und zum Langweilen geht kein Kunde in einen Laden. Das Motto könnte also lauten: weniger Quantität, mehr Quali-und Individualität. Weniger ist eben oft mehr. Das wusste schon Mies van der Rohe.