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Frankfurt nicht FinTech-Hauptstadt? Was macht die Stadt falsch?

Bei WeltSparen.de kann man mit nur einem Onlinebanking-Zugang bei mehreren Banken Festgeldkonten eröffnen. Bei N26 läuft Banking nicht mehr über den Desktop, sondern komplett mobil übers Smartphone und man braucht für Überweisungen nicht mehr die Kontodaten der Empfänger. Fairr hilft per Klick bei Fondssparplänen. Und dank Cringle überweist man seinem Freund per App kleine Beträge, wenn dieser die eigene Rechnung im Restaurant auslegt, weil man selbst gerade kein Bargeld dabei hat. Klingt neu, aber doch nach Bankgeschäft. Und das ist in Deutschland in Frankfurt zu Hause. Die genannten FinTechs allerdings nicht. Sie sitzen überwiegend in Berlin.

76 der 234 deutschen FinTechs haben dort ihr Business eröffnet. Weitaus weniger – 44 – sind es bisher in Frankfurt. Alle anderen verteilen sich über das restliche Rhein-Main-Gebiet, München und Hamburg. Warum ist das so?

  

  

Ist Frankfurt zu teuer?

Startups suchen – vor allem während ihrer ersten Jahre – günstige Lagen und Objekte. Und das Mietniveau in Frankfurt ist deutlich höher als in der Hauptstadt. Sollte man meinen. Stimmt aber so nicht.

Zum einen mieten Startups auch in Berlin nicht per se „billig“. Ein großer Teil liegt oft nur bis zu 15 % unter der geltenden Spitzenmiete – weil die Nähe zu IT-nahen Branchen etc. mehr zählt als der Preis. Die Spitzenmiete liegt mit 27 €/m² zwar deutlich unter der von Frankfurt, die bei 37 €/m² liegt, aber damit reduziert man die Mainmetropole auf die sehr teure Bankenlage. Im Bereich von Anfang 20 €/m² bietet Frankfurt zahlreiche, auch zentral gelegene Optionen. Direkt neben der Bankenlage ist die Stadt reich an vergleichsweise günstigen Teilmärkten im von Startups nachgefragten mittleren Qualitätssegment. Vor allem im Ostend, in der City und im Bahnhofsviertel ist der Anteil IT-naher Branchen hoch und die Büros kosten durchschnittlich zwischen 11 und 16 €/m2. Frankfurts Vorteil zu Berlin: die kurzen Wege. Was die Flächenwahl letztendlich flexibler – und damit Startup freundlicher – macht.

Zum anderen ist die Differenz der Durchschnittsmiete gar nicht so hoch wie man vermutet. Das Niveau der Berliner Durchschnittsmiete ist bis Ende 2015 signifikant auf 12,90 €/m² gestiegen, während diese in der Mainmetropole seit Jahren etwa bei 13,50 €/m² liegt.

Hat Frankfurt keine passenden, flexiblen Büros?

Junge Unternehmen im Allgemeinen und FinTechs im Speziellen suchen gerade am Anfang größtmögliche Flexibilität. Wichtig ist nicht das eigene Büro (lediglich 14 % der FinTechs haben bisher überhaupt eigenständig angemietet), sondern geringe monatliche Fixkosten, Möglichkeiten zur Vernetzung und die Freiheit, schnell weiterziehen zu können, wenn das Wachstum räumlich spürbar wird. Perfekt dafür sind CoWorking-Flächen, die die Miete z.B. in Form von Wochentarifen anbieten. Hier muss sich Frankfurt nicht verstecken: Ein Dutzend Anbieter, u.a. den FinTech-Hub der Deutsche Börse AG oder das Tech-Quartier im Bürohochhaus Pollux mit mehr als 120 Arbeitsplätzen stehen bereit. Teilweise sogar mit der Möglichkeit, zusätzlich bei Bedarf weitere Flächen für Events oder Workshops zu nutzen.

Trotzdem muss der Markt in den kommenden Jahren mit „aus den Hubs in den Büromarkt expandierenden“ FinTechs rechnen und Flächen wie Mietverträge flexibler ausrichten, als das bisher der Fall war und ist.

Fehlen Frankfurt die Netzwerke und Tech-Talents?

Wichtiger als die physische Nähe zu Banken, Kunden und anderen Branchen ist gerade jungen FinTechs eine intensive Vernetzung mit anderen Branchen-Playern und Förderung durch Investoren. Hier hat die Stadt am Main mit seinem FinTech Zentrum und regelmäßigen Veranstaltungsreihen für Startups hervorragende Initiativen vorzuweisen, aber vergleichsweise wenige. CoWorking Zentren werden beispielsweise von der Deutschen Börse, JPMorgan und der KfW betrieben. Player wie American Express stellen gezielt Mitarbeiter für den direkten Austausch mit der jungen Tech-Szene ab. Förderung und Partnerschaften direkt vor der Banken-Haustür hat große Vorteile– und das kann so nur Frankfurt bieten. Außerdem ist die Stadt Heimat des größten Internetknotens der Welt. Rund 40 % der deutschen Großrechenzentren befinden sich in Hessen. Und wenn es um Nanosekunden geht, kann das von unschätzbarem Vorteil sein.

Etwas schwieriger gestaltet sich die Personalsuche in der Region: IT-Knowhow wäre im Umfeld der TU Darmstadt reichlich vorhanden, wechselwillige Talente eher nicht. Aus- und Weiterbildungsinitiativen wie der neue Studiengang „Digital Innovation & FinTech“ an der Frankfurt School of Finance“ sollen das ändern. Zweites Hindernis sind die hohen Bankengehälter, die oft ein zu großes Hemmnis darstellen, in ein Startup zu wechseln. Allerdings könnte sich dies zukünftig im Hinblick auf folgende Zahlen relativieren: 2015 bauten deutsche Banken 13.000 Stellen ab. Genauso viele arbeiten mittlerweile in FinTech-Unternehmen.

Ist Frankfurt nicht hip genug?

Lagen, Preise, Flächen, Netzwerke, Förderung, Fachkräfte und Infrastruktur – Frankfurt hat, was FinTechs wollen und steht Berlin hier nicht wesentlich nach. Was ist also das Problem? Erst vor kurzem hat Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir frei nach Klaus Wowereit zitiert: „Wir sind nicht arm hier. Jetzt müssen wir nur noch sexy werden.“ Stimmt das so? Nicht unbedingt: Bereits vor zwei Jahren stand Frankfurt als einzige deutsche Stadt auf der Places to Go Liste der New York Times, das Bahnhofsviertel gilt inzwischen international als Szene-Tipp für Gastro und Kultur. Kleinmarkthalle und Sachsenhausens Apfelweinkneipen sind Kult. Das Städelmuseum beherbergt Kunst aus aller Welt. Und in den Industrielofts entlang der Hanauer Landstraße im erwachenden Ostend reihen sich Kunstateliers neben Kreativagenturen und Szenebars neben Traditionsgeschäfte – von „Bankfurt“ ist im Umfeld der neuen EZB zwischen restauriertem Flusskran und Skaterpark kaum etwas zu spüren.

Frankfurt muss besser für sich werben

Das Problem ist nicht fehlende Hippness. Sondern, dass sie nicht wahrgenommen wird. Das klassische Banken-Image erdrückt immer noch die wachsenden Kreativ- und Startup-Gemeinde. Frankfurt muss seine Standortvorteile sowie die Herzlichkeit und Coolness offensiver und vor allem origineller kommunizieren – und zwar nicht nur in der Region. Sondern deutschland- wie europaweit. Gerade weil Berlin schon fast automatisch ein Sog für junge Unternehmen ist. Frankfurt muss seiner jungen Zielgruppe die Scheuklappen nehmen.

Und: Frankfurts Banken sollten noch offener für Kooperationen werben und bereitstehen. Einst führte die Regulierung der Wechselkurse zur Gründung der Börse, später wirkten Bethmann, Rothschild & Co. als Pioniere bei Staatsanleihen – Frankfurt war schon immer Motor des Finanzfortschritts. Da sollte es im Zeitalter der Digitalisierung nicht plötzlich Halt machen. 

Eine ausführliche Analyse zu FinTechs und Frankfurts Standortfaktoren finden Sie hier.