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Haben Drohnen wirklich das Zeug zum entscheidenden Fortschritt in Immobilienvermarktung und City-Logistik?

Venedig, das Jahr 1849 und ein Hauch von zurück in die Zukunft – in einem Jahr, in dem noch nicht einmal die automatische Kühlung erfunden war, fand in der Lagunenstadt eine der frühesten realen Science-Fiction-Stories statt. Die Venezianer hatten sich aufgelehnt gegen die Herrschaft des österreichischen Kaiserreiches und sollten entsprechend eingeschüchtert werden. Mit 110 Ballons, an denen Bomben befestigt waren. Allerdings wurden die meisten von ihnen vom Winde abgetrieben, eine Wirkung hatten sie kaum. Zumindest keine in diesem Konflikt. Sie gelten aber bis heute als erste oder frühe Version unserer heutigen Drohnen.

     

     

Die wir vor allem aus dem Umfeld von Militär und Kampftaktiken kennen. Als fliegende Soldaten. Als Aufklärer und Späher. Als zuverlässige und unerschrockene Helfer bei riskanten Operationen. Und doch haben sie diese eher negativen Assoziationen und das Be„droh“liche in ihrem Namen längst abgelegt – oder zumindest um einige mehrere friedvolle Varianten erweitert.

Vom Militaristen zum vielseitigen Helferlein und Sales Agent

Mit Kameras ausgestattet vermessen sie bereits Landschaften, prüfen den Zustand von Brücken, Windrädern, Solarparks oder Staudämmen. Bei Bränden unterstützen sie die Feuerwehr, bei Erdbeben den Katastrophenschutz, bei Ernteausfällen zeigen sie dem Landwirt, wo er mehr Dünger einsetzen muss. Und sie verschönern Urlaubserinnerungen und schießen tolle Landschafts- und Küstenpanoramen aus der Vogelperspektive.

Und es würde verwundern, wären sie nicht schon längst auch in der Immobilienwirtschaft angekommen. Vor allem im Facility Management wächst die Popularität von Drohnen, können sie doch Grundstück und Gebäude lückenlos kartographieren, Schäden – vor allem auf Dächern – erkennen und Reparaturen digital und automatisch anstoßen. Drohnen klettern, krabbeln, greifen, kommunizieren miteinander und erkennen Gesichter und Gegenstände – alles große Vorteile beim Rund-um-die-Uhr-Schutz von Objekten. Ähnliches gilt für die Projektentwicklung: Das permanente Überwachen des Baufortschritts und das schnelle Erkennen von Baumängeln oder Sicherheitsrisiken spart hintenraus Zeit und Kosten. Das liegt vor allem daran, dass Drohnen nicht nur Fotos schießen, sondern die gesammelten Daten auch zuverlässig speichern können.

Drohnen gehen nicht nur praktisch-handfest „zur Hand“, sondern sind auch überzeugend und kreativ in Sachen Sales und Marketing. Und da sind die Objektfotografie oder Live-Besichtigungen per Videoschalte erst der Anfang. Coca-Cola zeigte innerhalb einer Kampagne, was alles geht: In Singapur bekamen Bauarbeiter, die von ihren Familien getrennt leben, Dankesschreiben von den Einwohnern der Stadt – geheftet an eine Cola-Dose, geliefert von einem unbemannten Flugobjekt. Eine Imagekampagne mit viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien.

City-Logistik – zwischen großen Chancen und Regelungen

Die Drohneneinsatz-Möglichkeiten sind groß – gerade im Bereich der Vermarktung sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Im Bereich der Regelungen und durchaus nicht übertriebenen Gefahren aber schon.

Das zeigt vor allem das Beispiel der Logistik, für das Drohnen eigentlich enormes Potenzial haben. Und das nicht nur als zuverlässiger Inventur-Helfer, sondern vor allem als Paket-Lieferant oder auch „Konsumbomben-Bringer, um nochmal den alten Militär-Slang rauszuholen. Gerade in äußerst dünn besiedelten ländlichen Regionen oder auf abgelegene Inseln kann das Lieferungen erleichtern. Gilt das auch in den immer größer und dichter werdenden Mega-Cities, deren Verkehrsaufkommen jetzt schon kaum mehr zu stemmen, geschweige denn zu ertragen ist?

Pilotprojekte laufen bereits seit Längerem. 2016 lieferte Amazon das erste Mal eine Bestellung mithilfe einer vollautomatischen Drohne im englischen Cambridge aus. Dank einer Genehmigung der britischen Flugsicherheitsbehörde Civil Aviation Authority (CAA), landete die erste Zustelldrohne auf einer Landemarkierung im Garten des Bestellers. Die Fracht, ein Fire-TV-Videostreaming-Stick und eine Tüte Popcorn gelangte innerhalb von nur 13 Minuten nach Abgabe der Order an ihren Bestimmungsort. Das Testprogramm, innerhalb dessen Amazon diese schnelle Art der Zustellung anstrebt, heißt Amazon Prime Air. Kurz bevor die Drohne landet, bekommt der Kunde via Prime-App eine Nachricht. Er sucht eine geeignete Landezone und markiert diese. Das Päckchen wird anschließend auf einer speziellen Matte abgestellt.

Und auch hierzulande gibt es innovative Herangehensweisen bei der Paketverteilung. DHL nennt seine Drohne zum Beispiel „Paketkopter“ und schickte sie unter anderem in Bayern in die Luft. Der Paketkopter setzt auf dem Dach einer Packstation auf, holt sich seine Ware und transportiert diese zum Ziel – das ist eine zweite Packstation. Damit umgeht das Transportunternehmen eine potenziell gefährliche Landung direkt neben dem Kunden.

Solche Aktionen gehen aber eben nur mit Genehmigung und derzeit stehen dem – und vor allem einem flächendeckenden Einsatz – viele Regelungen entgegen. Während der Konsument dank neuester Technologien seine Einkaufsgewohnheiten innerhalb von kürzester Zeit geändert hat, nähern sich städtische Entwicklungen und gesetzliche Rahmenbedingungen der neuen Realität im Schneckentempo an.

In den USA zum Beispiel verbietet die zuständige Behörde, die Federal Aviation Administration (FAA), die Anwendung voll automatisierter Drohnen grundsätzlich. Eine Lieferdrohne macht aber nur dann Sinn, wenn sie ohne Sichtkontakt bedient werden kann. Hinzu kommen potenzielle Gefahren und damit noch offene Fragen, denen erst eine zufriedenstellende Antwort entgegengesetzt werden muss. Wie lässt sich beispielsweise verhindern, dass eine Drohne, die aus irgendeinem Grund abstürzt, zum unkontrollierten Geschoss wird? Oder was ist mit Hackern – sei es aufgrund von Wirtschaftsspionage oder terroristischen Zielen? Je nach Absicherung fällt es nicht schwer, das unbemannte Flugobjekt zu entführen. Branchenexperten fordern deshalb offene Standards, die Sicherheitslücken leichter auffindbar und behebbar machen. Das Projekt Dronecode und zahlreiche andere Initiativen bemühen sich um gemeinschaftliche Lösungen.

Noch ein langer, aber auch spannender Weg

Die Deutsche Flugsicherung schätzt, dass derzeit ca. eine Million privat genutzte Drohnen unterwegs sind. Kämen über Nacht Millionen von Lieferdrohnen hinzu, ließe sich die heutige Situation der Paketboten auf der Straße geradezu als gemütlich bezeichnen. Kollisionen in der Luft wären an der Tagesordnung. Könnten sich die Luftfahrtbehörden zur Abstimmung der Objekte aufeinander nicht etwa künstlicher Intelligenz bedienen? In der Theorie durchaus machbar. Doch bis wir intelligente Luftkorridore für automatisierte Flugobjekte haben, müssen noch einige Hürden überwunden werden. Noch herrscht die Auffassung vor, dass Drohnen in Europa eher eine Nischenanwendung außerhalb der Städte bleiben und sich nicht als urbanes Massenbeförderungsmittel durchsetzen werden.

Warten wir es ab.