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Industrie pusht Dienstleistung – Rhein-Neckar macht Deutschland vor, wie Silicon Valley geht

Astronomie, Kernphysik, Zellbiologie, emissionsfreie Antriebe, sich selbst versorgende Bioenergiedörfer – wo sich Unternehmen, Forschungslabore und entsprechende Industrie aller wichtigen Zukunftsthemen in einem Umkreis von nur wenigen Kilometern ballen, liegt Weltoffenheit und Fortschritt in der Luft. Und manchmal gehen auch seltsame Dinge vor sich: Beton saugt Schadstoffe aus der Luft. In Regalen lagern Getränkedosen, die sich auch in Schwerelosigkeit im All trinken lassen. Und eine sprachgesteuerte Lichtanlage reagiert auch auf breitestes pfälzisch. Klingt wie das Must-Be für Forscher, Kreative, Unternehmensgründer und Investoren. Klingt fast wie Silicon Valley. Die Rede ist aber von der geschäftigen Ebene zwischen Pfalz und Odenwald. Von Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg bis hoch nach Darmstadt im Norden. Von dem, was wir Rhein-Neckar nennen.

  

  

Schon immer war die Region innovativ für ihre Zeit. Mal abgesehen von den frühen Stars Karl Drais oder Carl Benz, die Fahrrad und Auto erfanden – BASF sorgte von Beginn an nicht nur für den Aufschwung der Region, sondern war treibende Kraft für die raschen Fortschritte der Industrialisierung deutschlandweit. Und treibt auch heute globale Trends wie die Digitalisierung voran – jüngst mit der Entwicklung eines neuen Supercomputers für die Chemieforschung jenseits von Reagenzglas und Bunsenbrenner.

An Global Playern und damit ein Stück weit Weltveränderern hat es nie gemangelt. Mit SAP, T-Systems, Microsoft Deutschland und Co. kam dann ab den 1970er Jahren auch der Tech-Hauch hinzu. Und das äußerst erfolgreich: Nach einer der TU Darmstadt durchgeführten Studie ist die Hälfte des weltweiten Umsatzes der hundert größten europäischen Softwareanbieter in der Region zu verbuchen – was sicher auch an den zahlreichen Startups liegt. Hinzu kommt eine äußerst aktive und durchschlagende Forschungslebendigkeit von der Entwicklung eines Krebs-Impfstoffes über eine Software gegen Medikationsfehler bis hin zur Weiterentwicklung der Sprachsteuerung.

Gründergeist, die enge Verzahnung der Wirtschaft mit Elite-Bildungssystemen, die ausgeprägte Kooperation zwischen Unternehmen, das Fehlen starker Hierarchien, hohe Mobilität und das breite Angebot an Zulieferern haben das Silicon Valley einst groß gemacht und bringen es täglich weiter voran. Gilt das auch für Rhein-Neckar? Woran liegt es, dass sich gerade hier Aufbruchsstimmung mit wirtschaftlicher Stärke und Innovationskraft verbindet?

Junge Talente schätzen den Dreiklang aus Chancen, Vielfalt und Förderung

Rhein-Neckar hat, was erfolgreiche Entwicklungen immer brauchen: gut ausgebildete Talente – dank der vielfältigen Hochschul- und Universitätslandschaft. Nirgendwo sonst in Deutschland ist eine so hohe Vielzahl und Dichte verschiedenster Fachrichtungen zu verzeichnen. Fachpersonal mit dem Drang, etwas Neues auf die Beine zu stellen, ist das Ergebnis.

Anziehend ist auch die Vielfalt der Region. Vom urbanem Flair und Industrienostalgie über historische Stadtkerne bis hin zur Weinregion ist für jeden Geschmack, jeden Lebensstil und jede Lebensart etwas dabei. Das nahezu Einzigartige daran: ob Stadt oder Natur, alles ist innerhalb von gut einer Stunde erreichbar. Dieser Lebenswert lockt vor allem junge, ganz unterschiedliche Menschen, die sich langfristig etwas aufbauen wollen, an. Die Folge: Eine marktbelebende Diversität.

Gründungswillige selbst profitieren von förderungswilligen Städten, die mit speziellen Existenzgründungsprogrammen nötige Ressourcen bereitstellen, u.a. auch den Zugang zu speziellen „Gründer-Dienstleistungen“ wie Rechtsberatung, Marktforschung oder Finanzdienstleistern und entsprechend ausgerichteten Kapitalgebern. Und dazu gehört auch Raum, bzw. günstige Flächen für Startups: Vor allem Mannheim bietet durch seine hohe Zahl an Existenzgründungszentren einfach zugängliche Büroflächen zu günstigen Konditionen an. Nicht umsonst hat Mannheim auch die höchste Existenzgründungsquote in der Region.

Büromarkt braucht zielgerichtete Projektentwicklungen

Problematisch wird es dann aber, wenn die Startups einige Jahre gewachsen sind oder eine gewisse Größe erreicht haben und der mehr oder weniger „gezwungene“ Auszug aus diesen „Einsteiger-Flächen“ ansteht. Die für Neulinge bezahlbaren Büroflächen auf dem Markt entsprechen in der Regel nicht dem gewünschten Standard, der auch notwendig ist, um gute Mitarbeiter anzuziehen und langfristig zu motivieren und zu binden. Neubauten oder hochwertige Refurbishments von Industrieflächen oder Lofts zu Büros sind auf der anderen Seite viel zu teuer. Der Markt braucht Projektentwicklungen als Neubau wie auch im Bestand, die genau diese Nachfragesituation bedienen. Und die Lokalpolitik muss entsprechende Lösungs- und Fördermodelle für Entwickler bereitstellen, will sie die von den Startups ausgehenden Innovationen in der Region binden.

Industrie produziert Dienstleistung

Das richtige Umfeld für Innovationen ist nicht nur durch die hervorragende Bildungs- und Nachwuchssituation gegeben, sondern wird durch die traditionell hohe Dichte an Industrie gefördert – v.a. in Mannheim und der BASF-Hochburg Ludwigshafen. Ein immer stärker differenzierter Weltmarkt und der technologische Fortschritt verlangen neue Lösungen, Absatzkanäle und Herangehensweisen. In der Folge entstehen mehr und mehr Dienstleistungen. Gerade Mannheim hat in den vergangenen Jahren einen starken Wandel in diesen Sektor durchlebt. Und auch die Ludwigshafener Industrie schafft mehr und mehr Dienstleistungen und profitiert einmal mehr von den durch forschende Ableger entstandenen Innovationen. Industrie und Dienstleistung sorgen in der Region Rhein-Neckar so für ein Zusammenspiel, das viele der ansässigen Unternehmen und Dienstleister zu Weltmarktführern gemacht hat.

Starkes Auftreten durch gemeinsame Standortpolitik

Einen solch ausgewogenen Mix an Großunternehmern wie Mittelständlern, Traditionsfirmen und Neulingen gibt es auch in anderen Regionen – allerdings kommt zwischen Ludwigshafen und Heidelberg noch der große Wille zur Vernetzung unter- und Zusammenarbeit miteinander hinzu. Offener und vertrauensvoller Austausch in zahlreichen Netzwerkveranstaltungen und übergreifenden gemeinsamen Projekten sind ein großer Treiber der Region. Und hier geht die Politik mit gutem Beispiel voran: Die Region geht immer vor den stadteigenen Interessen. Die Städte werben gemeinsam und versuchen Unternehmen zunächst für die Region zu gewinnen. Erst danach rückt der genaue Standort – ob Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen oder doch eine der anderen kleineren Städte – in den Blick.

Ist das wirklich Silicon Valley??

Wirklich vergleichbar mit dem Silicon Valley ist die Rhein-Neckar-Region nicht. Eine solch explosiv-kreative Mischung wie in der kalifornischen Bay Area, die von der Vielzahl an hoch-innovativen IT-Firmen und Elite-Hochschulen, angefeuert wird, ist bisher weltweit einmalig. Auch hier sind Forschung und Unternehmen eng verzahnt, aber eine solch enge Verbindung wie im Silicon Valley herrscht zwischen Odenwald und Pfalz bei weitem nicht. Zusätzlich fehlt es an Risikobereitschaft und dem Mut, das Scheitern bewusst einzukalkulieren. Mentalität lässt sich nicht über Nacht ändern. Unbestreitbar ist aber: Rhein-Neckar hat die Voraussetzungen Innovationen hervorzubringen und erfolgreich für den Weltmarkt weiterzuentwickeln.

Innovation braucht Investition – auch in Fläche

Inwieweit sich dieses Potenzial noch ausweitet, hängt auch vom Immobilienmarkt ab und davon, ob sowohl junge Gründer wie auch große Firmen und alteingesessene der verschiedensten Branchen auch die passenden Flächen für Ihre Vorhaben finden. Ob die Bandbreite an Büro- und Industrieflächen groß genug ist. Und ob das Angebot – mit Blick auf die Zukunft – ausreicht. Also von einer Situation, wie sie im Moment nicht gegeben ist.

Der Leerstand an Büro- und Industrieflächen ist, den fehlenden Projektentwicklungen der vergangenen Jahre sei Dank, gering. Neue Projektentwicklungen treiben die Mietpreise in die Höhe, da diese derzeit die einzige Alternative für die Vielzahl der wachsenden Unternehmen darstellen. Die Folge: Viel freie Flächen im Niedrigpreissegment, die aber aufgrund ihrer mangelhaften Qualität und Ausstattung keinen Abnehmer finden werden, auf der einen Seite. Viel freie Flächen im oberen Preissegment auf der anderen Seite. Dazwischen: Gähnende Leere.

In drei bis vier Jahren, wenn die heute suchenden Unternehmen ihr neues Büro in Projektentwicklungen bezogen haben und die Altflächen aufgeben, könnte sich diese Situation wieder einpendeln. Allerdings braucht es dann, wie bereits gesagt, entsprechende Refurbishments und zielgerichtete Entwicklungen – allen voran in der Eastsite, Mannheims Technologiemeile, im Mannheimer Glückstadt-Quartier und Heidelbergs Bahnstadt. Innovation braucht Investitionen – auch in Fläche.