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Sind wir Nostalgiker? Eine Rückbesinnung auf innerstädtisches Einkaufsflair

Gibt es durch Übersättigung eine neue Konsumverweigerung der Passanten? Oder tut die Rückbesinnung auf das authentische innerstädtische Einkaufsflair Not?

27. Oktober 2015

Das Schreckgespenst Langeweile im Einzelhandel und was auf den Einzelhandel zukommt bzw. wie diesem Schreckgespenst begegnet werden kann, war Thema meines letzten Blogs. War‘s das  schon? Ist das Thema damit abgehakt? Nein. Das Thema greift tiefer. Denn der digitale Sprung im E-Commerce ist fundamental und unumkehrbar. Die Konsequenzen sind viel dimensional.

Anders gefragt: Ist die Shopping Welt des Online-Zeitalters aus sich heraus so erfolgreich oder ist die Offline Welt nicht auch unfreiwillig Motor dieser Entwicklung?

Schauen wir doch auf die städtische Realität unserer Tage. Rühmen wir uns noch immer unserer urbanen, tollen Innenstädte und eines vielfältigen Einzelhandels integriert ins Stadtleben? Gehört Bummeln in der Stadt, seit Generationen Teil des bürgerlichen Soziallebens, noch immer in den Katalog unserer gängigen Gepflogenheiten?

Die Fragen rühren zweifellos an unserem bisherigen Verständnis städtischen Lebens. Und wie alles ist auch dieses städtische Leben den unabdingbaren Gesetzmäßigkeiten des Wandels unterworfen.  Gelten denn die gängigen Gepflogenheiten von gestern auch heute noch? Mehr noch: wird die nächste Generation auch weiterhin kultiviertes Flanieren beim Einkauf pflegen? Besitzen Innenstädte noch immer den attraktiven Charme und die traditionelle Funktion früherer Zeiten?

Wer kennt sie nicht auch übers Land verteilt – einst florierende Einkaufsstrassen durchsiebt mit Billigläden, die wie eine Notlösung aussehen: quasi der letzte Versuch vor dem Leerstand. Tristesse in Reinkultur. Parallel dazu  vor den Toren der Stadt, seit langem aber auch in der Stadt, künstliche Abbildungen innerstädtischer Strukturen in Form von Shopping Centern. Modern, überdacht, alles perfekt, erfolgreich, kalkulierbar. Aber auch die befinden sich  zunehmend in der Langeweile-Falle. Die Frequenzen gehen auch dort tendenziell zurück. Aber wohin wandern die Passanten ab? Ins Internet? Werden die Passanten zu Online-Shoppern? Gibt es durch Übersättigung eine neue Konsumverweigerung? Oder tut doch die oft zitierte Rückbesinnung auf das nicht immer ganz so perfekte, aber authentische innerstädtische Einkaufsflair Not? Sind wir etwa  Nostalgiker? Ja, gewiss!

Wer erinnert sich nach seiner letzten Tour nach Rom oder Paris  an ein Shopping Center?  Mal Hand aufs Herz.  Eher doch wohl an das vitale, von Eindrücken überschäumende Stadtleben, an die einladenden Geschäfte, das Urbane, die Architektur, das pulsierende Stadtleben, das Flanieren Im Viertel unterhalb der Spanischen Treppe, das Sehen und das Gesehenwerden. Die Stadt als Erlebnis der Sinne.

Deshalb sind die Verantwortlichen in den Kommunen gefordert. Achtet wieder mehr auf Qualität und Lebensgefühl, plant neue Projekte sorgsam. Macht Eure Straßen und Plätze zu Orten des Wohlfühlens und der Begegnung. Von Menschen für Menschen. Schafft Räume für sinnliche Wahrnehmung. Denn wie im Store führt Gleichförmigkeit und  Standardisiertes auch in den Innenstädten zu Langeweile und zum Rückzug des Konsumenten. Nicht nur in die digitale Welt.