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Glück auf, Stadtlogistik: Sind CarTubes & Cargo Caps die neuen Helden der letzten Meile?

Logistik unter Tage – Modell der Zukunft. Sind damit die Verkehrs-, Versorgungs- und Emissionsprobleme gelöst? Müssen wir einfach nur noch ein paar Jährchen

11. Mai 2017

Was hassen wir wie die Pest und machen es trotzdem so gut wie jeden Tag? Richtig. Im Stau stehen. Deutschlands Städte und Metropolräume sind mehr und mehr verstopft. Ärgern, Kopfschütteln, Entnervtsein sind bereits in unsere feierabendliche DNA übergegangen. Und wo es privat noch zu verkraften ist, müssen auf wirtschaftlich-logistischer Ebene dringend Lösungen her – vor allem, was die Zustellung, Abholung und den Nachschub von Waren angeht.

Aktuell werden in Deutschland jährlich etwa 4,6 Milliarden Tonnen Waren transportiert – und davon fast 80 Prozent auf der Straße. Wenn man bedenkt, dass sich bis 2025 die Zahl der Paketzustellungen pro Jahr von heute 2,8 Milliarden auf 5 Milliarden fast verdoppeln wird und diese zum Großteil in die wachsenden Städte gehen, kann man sich ausmalen, inwieweit auch Verkehrsaufkommen und Emissionen steigen werden. „Der städtische Güterverkehr belastet die Städte erheblich“, sagt Alexandra Tornow, Industrial & Logistics Research JLL EMEA. „Schätzungsweise 30 bis 50 Prozent der mit dem Transport verbundenen Verschmutzungen gehen auf die meist dieselbetriebenen Straßenfahrzeuge zurück. Hier müssen dringend Lösungen her, zumal der noch relativ unausgereifte E-Commerce sich schnell weiterentwickeln und die Nachfrage nach Last-Mile-Fulfillment-Lösungen immer stärker werden wird.“

„Für innerstädtische Logistik sind bereits heute die Flächen knapp“, fügt Frank Weber, Head of Industrial Agency JLL Germany, hinzu. „Andere Nutzungen wie Wohnen, Büro, Retail und Hotel haben bei der Stadtplanung und den Investoren bislang einen höheren Stellenwert. Was sich mit dem neuen Planungsinstrument ‚Urbanes Gebiet‘ hoffentlich ändern wird.“ Bisher dominiere allerdings die logistische Zersiedlung – ein Trend, der sich gerade in einer ganzen Reihe von europäischen Städten beobachten lässt – inklusive längerer Transportwege und einmal mehr gestiegener Emissionen.

Logistik unter Tage – Modell der Zukunft?

Ruhe, saubere Luft und ungehindertes Durchkommen – logistisch wie privat reine Wunschvorstellung. Die in Zukunft aber Realität werden könnte. Zumindest, wenn es nach dem Londoner Architekturbüro PLP geht, das vergangenen Dezember sein neues Projekt für genau diese und viele weitere Probleme in urbanen Ballungsräumen vorstellte. „CarTube“ – das ist einfach gesprochen ein Tunnelsystem unter der Erde. Nicht irgendeins, versteht sich, sondern ein intelligentes, perfekt organisiertes und 1a-fließendes System. Hier fährt keiner auf, hupt oder schneidet beim Überholen. Das Ziel von „CarTube“ ist es, ein reibungsloses Netzwerk aus autonom fahrenden Autos zu etablieren, in dem die Straßen unterirdisch verlaufen. Oben bliebe dann mehr Platz für Grünflächen, Wohngebäude, Fahrradwege und vor allem erholsame Ruhe.

Ähnlich visionär, aber mit klarem Fokus auf die Logistik, ist das Cargo Cap – ein unterirdisches Transportsystem aus der Zukunftsschmiede der Fakultät für Bau- und Umweltingenieurswissenschaften der Universität Bochum. Unterstützt durch eine Reihe an Investoren und Logistikentwicklern arbeiten die Experten an Technik und Machbarkeit der Güter-U-Bahn, die in mehreren Metern Tiefe mit Paletten beladene, autonome Caps zwischen Zentrallager und Geschäften in der Innenstadt hin und her befördern soll. Bergisch Gladbach hat jetzt als erste deutsche Kommune eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.

Sind damit die Verkehrs-, Versorgungs- und Emissionsprobleme gelöst? Müssen wir einfach nur noch ein paar Jährchen durchhalten und dann schnurrt wieder alles wie geschmiert? Sind CarTubes, Cargo Caps & Co. die Zukunft für Städte und Stadtlogistik?

Keine Tunnel für die letzte Meile

„Was wir vor allen Dingen brauchen, ist die Konsolidierung, also Bündelung der Paket- und Warenströme vor den Toren der Stadt, um Parallelverkehre auf ein Minimum zu reduzieren“, sagt Frank Weber. „Unterirdische Röhrensysteme könnten sich hierfür eignen, etwa in der Art, wie diese bereits in der Schweiz auf Machbarkeit geprüft wurden.“ Cargo sous terrain soll zukünftig das Schweizer Straßen- und Schienennetz ergänzen und vor allem Ballungsräume entlasten – durch den unterirdischen Transport von Paketen und Gütern vom Produktionsstandort zum Logistikhub an den Stadtgrenzen. „Die letzte Meile selbst ist meiner Meinung nach durch ein solches Tunnelsystem nicht zu bewerkstelligen. Hierfür braucht man nach wie vor die kleinteilige Auslieferung über dezentrale Depots mit möglichst emissionsarmen Fahrzeugen“, so Weber. „Diese müssten als Knotenpunkte des Tunnelsystems in die Infrastruktur z.B. über Aufzüge mit eingebunden sein – und dafür entweder neu angelegt oder bestehende Gebäude entsprechend umgerüstet werden. Eine Reduzierung des benötigten Umfangs für Logistikflächen in der Stadt wäre also auch durch ein Tunnelsystem nicht möglich, eine Reduzierung der Emissionen hingegen schon. Ob dies allerdings finanzierbar ist und wäre, steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.“

Auch städtebaulich ist die Herausforderung groß, wenn nicht gar zu groß. „In den bisher noch nicht existierenden, aber geplanten asiatischen Smart Cities könnte eine solche Tunnel-Infrastruktur von Vornherein mitgedacht und integriert werden“, sagt Alexandra Tornow. „In Europa allerdings mit über Jahrhunderte gewachsenen Städten und einer hohen innerstädtischen Bebauungsdichte wäre das extrem schwierig. Eher machbar und wahrscheinlich sind Lösungen, die sich auf bereits bestehende Strukturen konzentrieren, wie Züge, U-Bahnen und Straßenbahnen.“ Diese könnten dazu genutzt werden, Waren zu Zeiten, in denen der Nahverkehr wenig ausgelastet ist, in die Städte zu liefern. „Paris denkt etwa in diese Richtung“, so Alexandra Tornow. „Ab September dieses Jahres sollen Güter über eine Shuttle-Zug-Verbindung ins Stadtzentrum gebracht werden – Endstation wird ein multimodaler Logistikhub sein, von dem aus die Weiterverteilung mittels emissionsfreundlicher Fahrzeuge erfolgen wird.“

„Bis wir aber voll autonome und miteinander korrespondierende – kurz: smarte – Systeme nutzen können, wird es noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, dauern“, ergänzt Frank Weber mit Blick auf die technische Realisierbarkeit. „Die dafür erforderlichen Technologien stecken vor allem in Europa noch in den Kinderschuhen. Für das Internet der Dinge ist beispielsweise eine flächendeckende und zuverlässige Konnektivität von 4 bzw. 5G erforderlich, was in den meisten Städten nicht gegeben ist.“

Doch bringen neue Technologien auch heute schon realisierbare und realisierte Lösungen zur effizienteren Nutzung von Infrastruktur und Entlastung der Städte. Vor allem Mobility oder Warehouse as a Service (MaaS und WaaS) ermöglichen es, ähnlich der UBER-App, kurzfristig Transport- oder Lagerkapazitäten zu „buchen“. Stuart, eine App von GeoPost, die bisher in Paris und Barcelona ausgerollt ist, verbindet Einzelhändler mit örtlichen Kurierdienstleistern. Und bei TimoCom können Unternehmen in 44 Ländern bei Bedarf Lagerräume – auch kurzfristig – anmieten.

Nachhaltig-realistische Lösungen brauchen alle Akteure

„Viele praktikable Lösungen liegen auch auf der Immobilienseite“, sagt Frank Weber. „Gerade im Umfeld der Städte wird die Nachfrage nach Umschlagszentren, in denen die Fracht von Diesel-LKWs auf alternativ betriebene Fahrzeuge umgeladen wird, steigen. In der Stadt selbst werden vor allem kleine Hubs und Mikrodepots, die als Multi-User-Immobilien aus Retail, Büro, Wohnen und Storage eine Pool-Funktion für Pakete übernehmen, schnell immer wichtiger werden – als Click & Collect oder Ausgangspunkt für die Zustellung per Fahrrad.“

Das Interesse der Unternehmen, per Fahrrad auszuliefern, nimmt bereits deutlich an Fahrt auf. Alexandra Tornow: „DHL zum Beispiel betreibt nach eigenen Angaben bereits bis zu 60 Prozent seiner innerstädtischen Zustellrouten mit Frachträdern. Im Hinblick auf die Pläne europäischer Städte, dieselbetriebene Fahrzeuge aus den Innenstädten zu verbannen bzw. autofreie Zonen zu erweitern, ist das Rad bei der Lieferung aus Mikrodepots in Zukunft sicher eine der am stärksten wachsenden Alternativen.“

„Platz für solche innerstädtischen Hubs könnten zum Beispiel ausgediente Tiefgaragen bieten oder Bestandsgebäude, deren Nutzung nicht mehr zukunftsgerichtet ist“, sagt Frank Weber. Doch lassen sich diese nur dann logistisch nutzen, wenn sich gleichzeitig die Zahl der Mit-dem-Auto-in-die-Stadt-Pendler reduziert. Ein denkbares Szenario angesichts Verkehrsstaus und innerstädtischer Straßengebühren. Doch letztlich nur realisierbar, wenn der Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr leicht fällt und leicht gemacht wird – in Sachen Preisen, Taktung, Abdeckung und Zuschüssen u.a. durchs eigene Unternehmen.

Ein einfaches, einzelnes Beispiel, das einmal mehr die vielfältigen Ebenen und Ansprüche zeigt, denen städtische Akteure gerecht werden müssen. Verwaltungen sehen sich unter Druck, den Ausstoß von Schadstoffen zu reduzieren und die Sicherheit zu erhöhen. Unternehmen müssen vor allem ihre Logistikprozesse überdenken und effizienter gestalten. „Diese beiden Ziele werden oft getrennt verfolgt“, sagt Alexandra Tornow. „Wenn Städte umweltfreundlicher, ruhiger und effizienter werden sollen, müssen alle Beteiligten bereits in der Planungsphase zusammenarbeiten – auch im Hinblick auf die langfristigen Zielsetzungen. Gerade Zukunftsvisionen wie autonomes Fahren oder autonome Zulieferung werden ohne den gemeinsamen runden Tisch nicht umsetzbar sein.“