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Trendspotter: Ist Holz der Zukunfts-Rohstoff für Wohn- & Bürotürme?

Februar 09, 2017

Fichten, Eichen, Tannen – das alles assoziieren wir mit ruhigem Landleben. Mit Urlaub, knisterndem Kamin oder Großvaters Werkstatt. Aber nicht mit Metropole, Skyline und Städtearchitektur.

       

       

Und doch wandert das Holz gerade vom Waldrand und dörflichen Wohngebiet in die City-Zentren dieser Welt. Stockholm, Bergen, London, Mailand – sie alle sind das Zuhause eines neuen Gebäudetrends, dem Hochhaus aus Holz. Auch in Deutschland hat der Naturbau-Boom bereits Fuß gefasst: als Studentenwohnkomplex „Woodie“ in Hamburg oder als sozial-nachhaltiges Innovationsprojekt am Münchener Dantebad.

Das mit 53 Metern und 18 Stockwerken aktuell höchste Holzgebäude heißt „Brock Commons“ und steht auf dem Gelände der University of British Columbia in Vancouver. Und es bekommt bereits Konkurrenz. Denn im neu entstehenden Wiener Stadtteil „Seestadt Aspern“ wachsen mit dem „HoHo“ bereits 24 Stockwerke bis auf 84 Meter steil nach oben.

Vor einigen Jahren noch in der Öko-Einfamilienhaus-Schublade steckend, werden die Projekte immer ambitionierter, citynäher und cooler. Der in der Londoner City geplante „Oakwood Tower“ wird, wenn alles klappt, sämtliche holzigen Höhen-Rekorde brechen und 300 Meter aufragen. Das ist höher als der Frankfurter Commerzbank Tower inklusive seiner Antenne. Und während die bestehenden Holzhochhäuser Hybride sind und zusätzlich Elemente aus Stahl und Beton enthalten, plant ein Stockholmer Architektenbüro das erste Hochhaus komplett aus Holz, inklusive Treppenhaus und Aufzugsschacht.

Werden die Holz-Riesen auch unsere Skylines erobern?

„Noch sind das vereinzelte Objekte vor allem in Ländern mit etablierter Holzbauweise“, sagt Dr. Konstantin Kortmann, Head of Residential Investment JLL Germany. „In den bisherigen Wohnhochhäusern in Deutschland spielt Holz nur eine Rolle im Innenausbau. Für die tragenden Strukturen wird weiterhin auf Stahlbeton zurückgegriffen.“ Scheint ganz so, als würde es bei ein paar Prestige-Holzbauten hier und da bleiben. Nicht unbedingt, meint Kortmann. „Derzeit treten die lange verrufenen Wohnhochhäuser optisch attraktiv aus ihrer Nische. Warum sollten sich also nicht auch welche aus Holz stärker verbreiten? Die Nutzer-Nachfrage ist positiv. Weil Holz natürlich und ästhetisch anmutet und für ein behagliches Raumklima sorgt.“

Und was ist mit dem rationaleren Teil unseres Tages, an dem wir im Büro sitzen? Haben Bürotürme aus Holz auch auf dem realen Office-Markt eine reelle Chance? „Einzelne Projekte auf jeden Fall“, ist sich Stephan Leimbach, Head of Office Leasing JLL Germany, sicher. „Es gibt immer Mieter, die das Besondere suchen. In der Masse allerdings werden sich Büro-Hochhäuser aus Holz nur dann durchsetzen, wenn sie handfeste Vorteile aufzuweisen haben – etwa kostenseitig oder beim Raumklima.“

Treibt der Ruf nach Nachhaltigkeit den Trend voran?

Unter dem Aspekt von Raumklima und Nachhaltigkeit kann Holz nur gewinnen. „Nachhaltigkeit ist im Neubau-Bereich zum Standard geworden“, so Leimbach. „Ein gesundes Raumklima ist für viele Nutzer ein entscheidendes Merkmal bei der Büroauswahl. Wohlfühlen führt letztlich auch zu mehr Produktivität. Interessanterweise brauchen deutsche Mitarbeiter ein Fenster, das sich öffnen lässt, um sich wohl zu fühlen. Technisch gesehen kann eine gute Klimatechnik im Büro sogar gesünder sein, aber hier wirken eher psychologische Aspekte. Ein Bereich, den Holz wunderbar ausfüllt.“

Hinzu kommen eine ganze Reihe rationaler Gründe, die für den Hochhausbau mit Holz sprechen. „Wer heute kostengünstig und zugleich nachhaltig bauen möchte, kommt an Holz als Baumaterial kaum vorbei“, sagt Martin Hofmann, Head of Project & Development Services JLL Germany. „Das nachwachsende Naturprodukt ist leicht zu verarbeiten und statisch leistungsfähig. Der hohe Vorfertigungsgrad ist kostengünstiger und beschleunigt die Bauvorhaben.“ Tatsächlich ging auch der Bau des Hochhauses in Vancouver dank vorgefertigter Bauteile vier Monate schneller über die Bühne als ein typisches Stahl-Beton-Projekt dieser Größe.

Noch stehen vor allem die hohen Auflagen im Weg

„Was größeren Holzbauten im Wege steht, sind weniger die technischen Aspekte als die Genehmigungsauflagen der Behörden“, so Hofmann weiter. „Gerade die Brennbarkeit des Werkstoffes erfordert Kompromisse und Hybridbau mit Stahl und Beton. Eine Gewerbeimmobilie oder ein Hochhaus aus 100% Holz ist in Deutschland noch nicht möglich.“ „Und auch von Mieterseite wird der erste Einwand sein: Was ist mit Brandschutz?“, sagt Stephan Leimbach.

„Durch die richtige Behandlung kann Holz aber ebenso wie jeder andere Werkstoff auch eingesetzt werden“, betont Hofmann. Und hätte sogar großes Potential für die Erfüllung aktueller Prämissen im Städtebau: „Dank seines geringen Gewichts wäre Holz das ideale Material, um Stockwerke auf bestehende Gebäude zu setzen – Stichwort Verdichtung.“

Ausbrechen aus Gewohnheiten dauert

Holz kann als Hochhausbaustoff mehr, als uns beim Anblick der gewohnten beton-stählernen Glitzerriesen erscheinen mag. Ob der Trend zur Norm wird, ist derzeit noch nicht abzusehen – aufgrund der (noch) entgegenstehenden Bauvorschriften und sicher auch einer Portion städtebaulicher Gewohnheit. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Sprechen wir uns in zehn Jahren noch einmal.

Von Antje Dalichow