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Urbane Fulfillment-Center werden zum Drehkreuz der letzten Meile

Die Warenlogistik in der City wird zu einer immer größeren Herausforderung. Innerstädtische Distributionszentren könnten die letzte Meile verkehrsneutraler, effizienter und nachhaltiger gestalten.

14. Januar 2020

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Eigentlich hätte der Online-Handel allen Grund zur Freude. Noch nie haben die Deutschen mehr im Netz bestellt. Allein 2019 ist der Umsatz um fast 9 Prozent gewachsen. Doch es hapert zunehmend an der Logistik in den städtischen Zentren. Der eigene Erfolg wird für E-Commerce zum Fluch, denn die urbane Infrastruktur wird dem Warenansturm kaum noch Herr.

Von Lieferwagen verstopfte Straßen, regelmäßige Verstöße gegen Halte- und Parkverbote, das alles ist längst Realität geworden auf der letzten Meile des Online-Handels. Es fällt schwer, den Lieferanten daraus einen Vorwurf zu stricken, denn anders ist die Versandflut kaum noch zu stemmen.

Kunden erwarten immer kürzere Lieferzeiten

Je früher ein Paradigmenwechsel in der urbanen Logistik eintritt, um so besser. Zumal der Druck auf die konsumentengetriebene Supply Chain weiter zunimmt. Was gestern noch die Herausforderung Same-Day war, könnte morgen schon die Same-Hour-Delivery sein. Und das vor dem Hintergrund eines steigenden Umweltbewusstseins mit erheblichen Auswirkungen auf den innerstädtischen Kraftfahrzeugverkehr.

Wie aber kann sich die Warenlogistik vor diesem Hintergrund neu erfinden? Ein Schlüssel wird sein, die Anlieferung in die Zentren gesammelt in die verkehrsschwachen Nachtstunden zu verlegen.

In Micro Hubs werden die Waren gelagert, ausgeliefert wird dann tagsüber. Elektrofahrzeuge, Fahrrädern oder auch die Lieferung zu Fuß ermöglicht, Staus zu umgehen und nicht in Konflikt mit Umweltvorschriften zu geraten.

Selbst anspruchsvolle komplette Fulfillment-Center in der City sind zunehmend umsetzbar. „Die urbane Kommissionierung auf vergleichsweise geringer Fläche profitiert von immer ausgefeilteren Predictive-Analytics-Verfahren“, beschreibt Werner Gliem, Supply Chain-Experte bei JLL, die neuen Optionen für die innerstädtische Logistik.

Neue Zukunft für leerstehende Einzelhandelsimmobilien

Noch gibt es keine definierten Standardflächen für ein solche City-Fulfillment-Center. Klar ist aber, dass vor allem die darbenden Einzelhandelsimmobilien von der neuen Stadtlogistik profitieren können. Gerade die oberen Etagen haben es schwer am Retail-Markt. Eine Konversion in Geschäftsräume oder Wohnflächen ist aufgrund der spezifischen Bauweise in der Regel keine geeignete Alternative. Als Warenlager sind leerstehende Retailflächen dagegen prädestiniert.

Keine Scheu vor mehrgeschossigen Lagerhallen

Allerdings schrecken viele Betreiber noch vor der Vorstellung mehrstöckiger Logistikflächen zurück. Eine ungerechtfertigte Ablehnung, wie Frank Weber, Head of Industrial Agency Germany, erklärt: „Mit einem ausgeklügelten, zweistufigen Lager- und Kommissionierungssystem ist die Bewirtschaftung einer oberen Etage in einem mehrgeschossigen Gebäude nicht teurer als im Erdgeschoss.“

Immobilienexperten und Logistiker zusammenbringen

So kommt auch die TU München zu dem Ergebnis, dass mehrgeschossige Flächen keine höheren Kosten pro Pick aufweisen als ebene Flächen. Natürlich muss die entsprechende Intralogistik geschaffen werden: Gebäude benötigen die geeignete Technologie, Stockwerke werden verbunden und Be- und Entlademöglichkeiten implementiert.

Hier ist eine enge Kooperation von Immobilienexperten und Logistikern gefragt. Geeignete Gebäude und Flächen müssen gefunden werden, dabei geht es nicht nur immobilienwirtschaftliche Parameter. „Wie steht es zum Beispiel um die Auflagen für Brandschutz, Verkehr und Lärm, wie lassen sich Umbau und neue Nutzung mit dem Planungs- und Bauordnungsrecht vereinbaren? Das sind Herausforderungen, die Logistiker und Real Estate-Profis am besten gemeinsam lösen“, davon ist Werner Gliem überzeugt.
 

Frank Weber
Head of Industrial Agency Germany
Werner Gliem
Senior Team Leader Supply Chain & Logistics Solutions, Germany