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Auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht: Arbeiten im Büro und im Homeoffice

Nach dem großen Homeoffice-Experiment, das Covid-19 der Arbeitswelt aufgezwungen hat, ziehen Unternehmen aller Größen nun Bilanz.

01. Juni 2020

Immer noch arbeiten weltweit so viele Menschen wie nie zuvor im Homeoffice. Auf Arbeitgeberseite ist man sich zunehmend bewusst, dass diese Arbeitsform in der langfristigen Arbeitsplatzstrategie ihren Platz haben wird.

Die großen Namen der Tech-Branche – beim Thema Workplace als Vorreiter bekannt und mit Zugang zu einer Vielzahl technischer Lösungen – machen es vor: Sie wagen bereits den Umstieg auf flexiblere Arbeitsmodelle.

Unter anderem stehen Twitter und Facebook öffentlich zu der Idee, das Arbeiten von zu Hause als (zum Teil dauerhaftes) Konzept weiterzuentwickeln. Google hat seiner Belegschaft in den USA 1000 USD Zuschuss zur Ausstattung des heimischen Arbeitsplatzes gezahlt.

Andere, in hohem Maße regulierte Branchen, etwa der Finanzsektor, befassen sich ebenfalls intensiv mit der Frage, ob und wie Homeoffice zu ihren Abläufen passt. Häufig mit dem Ergebnis, dass viele Rollen und Funktionen nicht unbedingt die Anwesenheit im Büro erfordern.

„Zu Hochzeiten der Pandemie war Remote Working quasi alternativlos. Und rückblickend sieht man, dass es im Großen und Ganzen erstaunlich gut funktioniert hat. Das wird einen Trend, den wir schon länger beobachten, nun beschleunigen“, bekräftigt Tom Carroll, JLL Head of EMEA Corporate Research & Strategy. „Noch nie wurde auf so breiter Front remote gearbeitet. Das hat Unternehmen und Arbeitnehmern vor Augen geführt, welche Vorteile flexiblere Formen des Arbeitens haben. Aber natürlich auch die Herausforderungen verdeutlicht.“

Paradigmenwechsel aus Sicht der Beschäftigten

Manche können es kaum erwarten, ins Büro zurückzukehren. Andere hingegen haben das Homeoffice genossen. Dies zeigt eine Umfrage, die JLL weltweit mit 2.115 Teilnehmern durchgeführt hat.

Die Hälfte der Befragten war froh, nicht pendeln zu müssen. 45 Prozent schätzen die flexiblen Arbeitszeiten und 31 Prozent gaben eine bessere Work-Life-Balance an. Das heißt jedoch nicht, dass sich die Studienteilnehmer dauerhaft im heimischen Büro einrichten möchten. Höchstens ein oder zwei Tage in der Woche, so der allgemeine Tenor, will man zu Hause arbeiten.

„Unsere Untersuchung zeigt, dass die meisten Menschen bestimmte Dinge, die Ihnen das Büro bietet, vermissen“, so Carroll. „Besonders hervorgehoben wurden die sozialen Kontakte sowie Austausch und Zusammenarbeit mit Kollegen. Ebenfalls vermisst wird die auf berufliche Belange abgestimmte Umgebung, in der sich effizient arbeiten lässt.“

Jüngere Mitarbeiter leben häufig in kleineren Wohnungen oder WGs – dort ist das Arbeiten zu Hause mitunter schwierig. Auch möchte speziell diese Gruppe von erfahrenen Kollegen in der unmittelbaren Zusammenarbeit lernen.

„Diese Art der Interaktion und die Möglichkeit, direkt mit dienstälteren Mitgliedern des Teams zusammenzuarbeiten, ist und bleibt für Berufsanfänger einer der großen Vorteile des Büros“, bestätigt Iain Franklin, Head of Consulting Corporate Solutions bei JLL in Großbritannien. „Im Kern geht es um ein ganz grundsätzliches menschliches Bedürfnis, das im Büro befriedigt wird: die Gespräche am Kaffeeautomaten und die Zusammenarbeit, die über virtuelle Werkzeuge in dieser Intensität einfach kaum möglich ist.“

Das ist den führenden Köpfen der Wirtschaft sehr bewusst. John Waldron, COO von Goldman Sachs, erklärte im Interview mit CNBC: „Manche unserer Mitarbeiter bleiben vielleicht noch länger ganz oder teilweise im Homeoffice. Fakt ist jedoch, dass wir bei Goldman Sachs unsere Energie und Stärke daraus ziehen, dass sich Leute um einen Tisch versammeln, im Büro arbeiten, dort die Probleme unserer Kunden lösen und gemeinsam kreativ sind. Der Erfolg unserer Firma beruht auch in Zukunft darauf, dass Mitarbeiter im Büro anwesend sind. Was das für unseren Gewerbeimmobilienbestand bedeutet, kann ich noch nicht sagen. Nur eins ist sicher: Es wird stärker verteilte Standorte geben.“

Arbeitsplätze mit Mehrwert

Im Zuge flexiblerer Arbeitsplatzstrategien wird sich natürlich auch das Büro selbst an die neuen Verhältnisse anpassen. Eventuell sind Arbeitsbereiche neu zu gestalten, damit die Belegschaft, die vor Ort oder eben remote arbeitet, eine geeignete technische Infrastruktur vorfindet. Der Arbeitsplatz wird immer mehr zum sozialen Treffpunkt, an dem Menschen Kontakte pflegen und zusammenarbeiten. „Das gehört zum längerfristigen Trend einer Arbeitswelt, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und digital integriert ist“, so Carroll.

„Es wird ein Ort sein, an dem man sich gern aufhält. Ein gut ausgestatteter Ort, der Zusammenarbeit, Innovation und Kreativität fördert“, erklärt Carroll. „Zwar lässt Covid-19 eine derartige Nutzung derzeit nur eingeschränkt zu. Aber hier liegt die Zukunft des Büros, das ist sicher.“

Aktuell liegt der Fokus – im Zuge der Rückkehr ins Büro – eher auf kurzfristigen Zielen und Herausforderungen. Viele sehen in dieser Zeit aber auch die Chance einer drastischen Abkehr von Standards und Strukturen, die sich überlebt haben – zum Wohle der Mitarbeiter und der Firmen.

„Remote Working bleibt uns erhalten, so viel ist klar. Und es wird nicht ohne Folgen für den Immobiliensektor bleiben“, ist sich Franklin sicher. „Das Coronavirus hat dazu geführt, dass viele Firmen ihre bisherige Arbeitsweise, ihre Einstellung und Bedürfnisse überdenken. In der Folge wird es neue Hybrid-Konzepte für Büroräume und das Homeoffice geben.“