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Die Corona-Erfahrung bricht alte Widerstände gegen New Work

Die Covid-19-Pandemie hat viele Unternehmen in digitale Arbeitsräume ausweichen lassen. Diese Erfahrung könnte unsere Arbeitsroutine dauerhaft verändern.

07. April 2020

Seit Wochen bestimmt das Corona-Virus Covid-19 die Nachrichtenlage. Und bei den allermeisten Firmen auch das Arbeiten. Vor allem in den Sektoren, die nun nicht auf Grund ihrer Systemrelevanz besonders gefordert und teils überlastet sind, wird die Kontaktsperre vorbildlich auch im Arbeitsleben gelebt. Das, was da schnell als "Homeoffice" bezeichnet wird, in das "problemlos" gewechselt werden kann, stellt aber auch diverse Anforderungen und Herausforderungen. Vom Bankenvorstand bis zur Grundschullehrerin bekommen wir alle einen Crashkurs im digitalen Arbeiten. Die Verfügbarkeit der richtigen Kommunikationstechnik und Arbeitstechniken haben dabei eine Schlüsselfunktion.

"Auch bei uns wurden schon vor Wochen zuerst internationale, dann praktisch alle Meetings als persönliche Treffen abgesagt und ins Digitale verschoben", sagt Christian Stumpf, Director Workplace Strategy bei JLL. "Das stellt uns allerdings auch nicht vor übermäßige Probleme, da wir neue Arbeitskonzepte bereits seit einiger Zeit selbst erfolgreich leben und alle Mitarbeiter mit der nötigen mobilen Technik ausgestattet sind." Aber auch in Betrieben, die bisher von der Präsenzkultur dominiert waren, ist plötzlich eine völlig neue Arbeitsweise Realität, die auch langfristig ihre Spuren hinterlassen wird.

Die Unsitte des Präsentismus fällt

Beispielsweise zeigt sich eine Veränderung in der Unternehmenskultur vieler Firmen am Umgang mit leichten Erkrankungen. Selbstverständlich ist inzwischen, dass Unternehmen auch Mitarbeiter mit generellen leichten Krankheitssymptomen auffordern, im Home Office zu arbeiten – vorausgesetzt natürlich, sie fühlen sich selbst noch arbeitsfähig. „Bisher war es noch oft ein Ausdruck von Pflichtbewusstsein, mit dem auch Kranke zur Arbeit gingen. Nun ist es endlich ein Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein, genau dies nicht zu tun. Wenn dieser Bewusstseinswandel über Corona hinaus bleibt, dann ist das ein Gewinn für die Gesundheit im Allgemeinen", so Steffi Eisenbarth, JLL Teamleader Workplace Strategy Germany. Das sollte eigentlich normal sein, auch abseits der aktuellen Entwicklungen. Leider ist in deutschen Firmen immer noch eine Kultur des Präsentismus verbreitet. Man quält sich krank ins Büro und steckt dort die anderen an. Vor dem Hintergrund der Corona-Epidemie bekommt das natürlich eine neue kritische Qualität.

Menschen digital zusammenbringen

Neben solchen kulturellen Veränderungen, die vor allem erstmal im Kopf stattfinden, ändert sich aber auch technisch einiges. Nach wie vor weit verbreitet ist eine IT-Ausstattung, die mobilem Arbeiten im Weg steht. Arbeit fand vor allem in physischen Räumen, in Büros statt. Lernen vor allem an physischen Orten wie Schulen. Der Wert dieser Orte liegt darin, dass hier viele Menschen zusammenkommen, um gemeinsam oder nebeneinander zu arbeiten oder zu lernen. Dieses Zusammensein an einem Ort ist nun genau das, wovon die Gefahr ausgeht. Damit bekommen virtuelle Orte eine bisher ungekannte Aufmerksamkeit.

Nicht alle Unternehmen sind darauf wirklich vorbereitet. Betriebe, die bisher auf feste Arbeitsorte und -zeiten bestanden, sehen sich jetzt gezwungen, in aller Eile den digitalen Einsatz aus der Ferne zu ermöglichen. Das beginnt häufig damit, erst einmal mobile Geräte anzuschaffen, denn im Büro steht hier häufig noch der immobile Desktop-Rechner. Der Absatz von Laptops ist im Februar und März 2020 rapide gestiegen. Ähnlich sieht es bei Software für Videokonferenzen und anderen virtuellen Kommunikationsformen aus.

Hier zeigt sich aber auch, wer mit der plötzlichen Änderung besser umgehen kann. Wer bisher schon mobile Technik und virtuelle Tools aktiv genutzt hat und darin Übung hatte, kann sie nun recht einfach verstärkt einsetzen und die Arbeit von physischen Orten in virtuelle verlagern. Wer dagegen jetzt erst die Infrastruktur dafür schafft, berichtet nicht selten von erheblichen Produktivitätseinbußen, denn Mitarbeiter müssen die neue Technik erst erlernen, um sie dann zu leben. IT-Abteilungen bieten nun verstärkt Trainings an und verzeichnen eine ungewohnt hohe Teilnehmerzahl.

Alter Status quo wird sich schwer vermitteln lassen

Die Reaktion auf das Corona-Virus zeigt, wie unglaublich schnell Veränderung funktionieren kann, wenn sie eben funktionieren muss. Unternehmen und ganze Belegschaften dazu zu bewegen, alte Arbeitsweisen aufzugeben und neue Tools wie Teamkollaborationsplattformen aktiv zu nutzen, dauert unter normalen Bedingungen Monate bis Jahre - und endet nicht selten frustrierend für die, die das New-Work-Projekt voller Motivation und mit Idealismus gestartet hatten. Nun geschieht es einfach aus dem Beweggrund heraus, das eigene Unternehmen durch die Krise zu bringen. Ein Effekt, der vielerorts möglicherweise dauerhafte Veränderungen schaffen wird.

Die gesammelten Erfahrungen in Bezug auf mobiles Arbeiten werden bleiben. Es könnte für Führungskräfte schwierig werden, zu begründen, warum nach der Pandemie im Büro alles wieder wie zuvor sein sollte. Es wird unter Umständen aber auch viel weniger Unternehmen geben, die das überhaupt wollen. Dann, wenn sie erlebt haben, dass es auch anders geht und dass digitale Zusammenarbeit echte Vorteile bietet. Und auch die Mitarbeiter werden nicht komplett zurückwollen. Zumal die Krise das Bewusstsein für die eigene Gesundheit steigern wird, die generell von örtlicher Flexibilität und Freiheit profitiert. So zeigen auch zahlreiche Untersuchungen, welche negativen Folgen allein langes und häufiges Pendeln sowie starre Präsenzregeln allgemein haben.

Christian Stumpf
Director Workplace Strategy
Stefanie Eisenbarth
Team Leader Workplace Strategy Germany