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Der geschäftliche Nutzen des Nichtstuns

Jedes Büro sollte Orte bieten, die zu wertvollen Auszeiten, zum Nichtstun, einladen und ein Heim für „arglose Touristen“ sind, die uns zum Innehalten bewegen.

19. Mai 2015

Hin und wieder fällt mir ein Text in die Hände, der mich innehalten lässt. Warum? Es ist dessen Weisheit, die den eigentlichen Kern dessen, was ich tue, in Frage stellt, mich nolens volens demütig stimmt.

Nach einem typischen Start in den Tag um 6 Uhr morgens etwa fühlte ich mich produktiv, energiegeladen und hatte alles unter Kontrolle. Das Vorbereiten von Meetings, das Delegieren von Aufgaben, das Durchforsten freier Stellen in meinem Terminkalender für wichtige Telefonate und unerlässliche Reisen in den nächsten Wochen – alles das war erledigt, bis es Zeit wurde, zum Flughafen aufzubrechen.

Die Fahrt zum Flughafen, ebenfalls sorgfältig geplant und wie immer à la minute, war die perfekte Gelegenheit für Nachfassanrufe zu Projekten und Initiativen, für die ich keinen Laptop brauche. Zu wissen, dass Haushalt und Kinder während meiner Abwesenheit in dieser Woche gewappnet sind (der Sonntagabend als Jour fixe ist ein wichtiger Teil unserer Routine), verschafft mir zusätzliche Gemütsruhe. Alles bestens, keine Sekunde verschenkt.

Als ich im Münchener Flughafen an der Sicherheitskontrolle anstehe, in der einen Hand alle Elektronikgeräte und in der anderen die sorgfältig im dafür vorgesehenen Plastikbeutel verstauten Flüssigkeiten, bin ich von einer Touristengruppe vor mir leicht irritiert. Sie haben eindeutig noch nicht „Up in the Air“ gesehen, wo George Clooney eindrucksvoll demonstriert, wie man die Kunst des effizienten Reisens perfektioniert.

Ein solcher Stillstand – immerhin eine erzwungene Unterbrechung der persönlichen Produktivität – verheißt nichts Gutes für den durchschnittlichen Trolley- und Smartphonebesitzer. Also richte ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Facebook-Freundeskreis aus virtuellen und echten Freunden – Zeit für mich selbst.

Ironischerweise stoße ich gerade in diesem Moment auf einen Blog von Pico Iyer mit dem Titel „Why We Need To Slow Down Our Lives“. Plötzlich schwindet mein Stolz auf meine absolute Effizienz und mein (von Kipling inspiriertes) persönliches Motto „Fülle jede Minute unerbittlich mit sechzig sinnvollen Sekunden an“ erscheint leicht hohl.

Auf den ersten Blick gibt es nur einen Ausweg: sofort zu kündigen und in eine Berghütte in den österreichischen Alpen zu ziehen (ohne fließendes Wasser und Strom versteht sich), um zu sehen, wie wenig ich wirklich benötige.

Auf halber Strecke zwischen München und Warschau nutze ich nicht die geänderten Flugsicherheitsbestimmungen, um meinen Laptop herauszuholen und mir das Projektbudget noch einmal anzuschauen. Ich sitze in mich gekehrt da und denke über meine Optionen nach. Ein merkwürdiges Gefühl, mitten im Flugzeug der Sinnfrage nachspürend von lauter klackernden Tastaturen umgeben zu sein.

Als Erstes wird mir klar, dass ich meine Arbeit und die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, eigentlich genieße. Der eigentliche Grund, warum ich Sachen wie diesen Blog von Iyer lese, liegt darin, dass es Teil meines Aufgabengebiets ist, in großen und auch in kleineren Unternehmen zu erkunden, wie sich Arbeit verändert und wie die jeweiligen Arbeitsumgebungen der stets zunehmenden Ambivalenz zwischen den Anforderungen an Geschwindigkeit und dem Wert des Nachdenkens gerecht werden können.

Zugegeben, als Mitarbeiterin eines börsennotierten Unternehmens ist mir bewusst, dass es nicht nur um Zufriedenheit bei der Arbeit und um achtsames Handeln geht. Aber um faire Bedingungen, bei denen Erfolg die Freiheit schafft, etwas exotischere Wege einzuschlagen, z.B. in Bezug auf die Umwandlung von Führungsstrukturen, die Erhöhung des Markenwerts und die Umsetzung der Benutzererfahrung am Arbeitsplatz. Es ist also noch nicht notwendig, nach Tibet auszuwandern. Oder in die Berghütte zu ziehen.

Allein eines sollte man nicht vergessen: hin und wieder die Effizienzfunktion auszuschalten, um im Kopf Raum zum Nachdenken zu schaffen. Dies ist der einzige Sinn von Geschwindigkeit: deren bewusst herbeigeführte Entschleunigung, weil sich erst im absoluten Gegenteil das Wesen des Faktors Zeit erschliesst.

Man sollte die eingesparten zehn Minuten nicht zur Erledigung weiterer Aufgaben nutzen, sondern sich die Zeit nehmen, ein scheinbar belangloses Gespräch zu führen, ein Geplänkel mit Kollegen zu genießen und Körper und Seele aufzutanken. Jedes Büro sollte Orte bieten, die zu solch wertvollen Auszeiten einladen und ein Heim für „arglose Touristen“ sind, die uns zum Innehalten bewegen.