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Abstand & Co. – hat das Großraumbüro jetzt ausgedient?

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02. Juli 2020

Flexibler, cooler, Startup-mäßiger, agiler – wenn es um moderne Arbeitskultur geht, heißt es seit Jahren: Weg von Einzelbüros, hin zu offenen Büroflächen mit tollen Ecken zum Brainstormen, Ausspannen, Nachdenken, Gruppenbesprechen etcetera pp. Es soll Rückzug geben, aber auch ganz viel Platz zum spontanen Versammeln, Treffen, Austauschen. Und gerade das ist jetzt mit der Covid-19 Pandemie und den damit einhergehenden Vorgaben und Abstandsregelungen vor Ort im Büro nahezu unmöglich bzw. schwieriger geworden. Viele solcher Austausch-Ecken sind abgeriegelt und Arbeitsplätze möglichst weit auseinandergerückt. Home Office first lautet die Devise für die nächsten Wochen und Monate. Per Video nah sein gerne, persönlich bitte nur mit entsprechendem Abstand. Und plötzlich rücken die schon längst abgeschriebenen Einzelbüros wieder ins Bewusstsein. Bekommen sie jetzt eine neue Chance und geht der Trend wieder weg vom Großraum? Oder muss das Großraum nur ein bisschen umgemodelt und an das neue Normal angepasst werden? Wie geht das? Und wie denken die aktuellen Großraum-Büromieter darüber?

Los geht's

„Es gab hier und da Überlegungen zur Rückkehr in Einzelbüros“, sagt Stefanie Eisenbarth, Team Leader Workplace Strategy. „Allerdings gehen wir nicht davon aus, dass Unternehmen, die bereits erfolgreich in flexiblen Arbeitsumgebungen gearbeitet haben, plötzlich wieder Einzelbüro-Wände einziehen werden. Wichtig ist stattdessen die Frage, welche Aufgabe das Büro künftig – und unter den veränderten Bedingungen – erfüllen soll: Austausch im Team, Treffen mit Kollegen, interaktive Zusammen- oder konzentrierte Einzelarbeit? Letztere wird künftig stärker von Zuhause aus erfolgen, zumindest in Unternehmen, bei denen dies mit Blick auf das Geschäftsmodell und Arbeitsweisen möglich ist. Arbeitsplätze dieser Art werden im Büro voraussichtlich weniger werden.“

„Genauso fällt auch das Feedback unserer Kunden aus“, bestätigt Miguel Rodriguez, Team Leader Tenant Representation. „Da vieleUnternehmen ursprünglich geplante Umzugsprojekte zunächst gestoppt haben, können wir zwar noch nicht abschließend bewerten, ob sich die Bürosuche vielleicht doch wieder mehr in Richtung Einzelbüro orientiert. Aber basierend auf den Kundengesprächen der letzten Wochen, erwarte ich keinen Trend zur Rückkehr dorthin. Unsere Kunden berichten uns überwiegend von recht positiven Erfahrungen mit Home Office Lösungen.“

„Längerfristig wird sich die Büronutzung auch wieder für alle als alltäglich einpendeln. Home Office wird jedoch ein wichtiges Thema bleiben und somit die Nutzung des Büros verändern. Ins Büro kommt, wer sich mit anderen austauschen möchte und zusammenarbeitet. Die konzentrierte Tätigkeit findet ab sofort für eine größere Anzahl an Kollegen daheim statt. Und darauf muss die Gestaltung der Büroflächen zukünftig reagieren“, so Eisenbarth.

Aber ist die lange Sicht im Moment nicht fast zu weit gedacht? Müssen nicht gerade aktuell auch ganz kurzfristige Hürden beim Wiedereinzug ins Büro genommen werden? „Für die meisten Unternehmen stand in den letzten Wochen vor allem das Thema Liquiditätssicherung und damit verbundene Handlungen im Vordergrund“, sagt Miguel Rodriguez. „Viele waren sich auch unsicher, inwieweit die neue Gesetzeslage zum Kündigungsschutz sie zu Mietstundungen und -kürzungen befähigt. Danach folgte der Fokus auf die Wiederaufnahme des Geschäftsbetriebs und dabei stellen offene Bürostrukturen im Hinblick auf die Übertragung von Krankheitserregern natürlich eine größere Gefahr dar als Einzelbüros. Deshalb geriet für alle Unternehmen, die solche Büroformen nutzen, zunehmend auch die Frage nach schnellen Lösungen und Anpassungen für einen möglichst reibungslosen Wiedereinzug in den Fokus. Im Übrigen auch für uns.“

„Schnelle Anpassungen sind im Großraum in jedem Fall mit Blick auf die Abstandsregeln notwendig“, so Eisenbarth. „Es muss definiert klar definiert werden, welche Tische nutzbar sind und welche nicht. Gleiches gilt für Besprechungsräume, Teeküche und weitere Aufenthaltsbereiche. Auch die Definition der Verkehrswege ist wichtig, um auch hier die notwendigen Abstände einhalten zu können. Dabei kann bereits eine leichte Ummöblierung helfen oder auch einfache Trennelemente und Pflanzen. Ob Schutzwände auch am Arbeitsplatz benötigt werden, muss individuell geprüft werden. Die Möbelhersteller, mit denen wir zusammenarbeiten, haben ihr Angebot bereits auf den neuen Bedarf angepasst.“

Deshalb ist es für Unternehmen jetzt zunehmend wichtig, vertragliche Flexibilität mit Blick auf die Anpassung der Büroflächen auf neue Arbeitsplatzformen und den damit verbundenen Änderungen des Flächenkonzeptes zu erzielen. Hierbei sollte auch eine Beteilung des Vermieters an den hierfür anfallenden Kosten berücksichtigt werden. „Und das empfehlen wir in jedem Fall“, betont Rodriguez. „Wir unterstützen derzeit viele unserer Kunden bei den Verhandlungen ihrer Bestandsverträge und können meist gute Lösungen und Einsparungen erreichen.“

Das Großraum und die damit verbundenen modernen Arbeitsflächen werden bleiben. Aber auch langfristig wird es auch hier auf mehr Abstand hinauslaufen – sowohl am Arbeitsplatz als auch in Besprechungsräumen und Bereichen für spontane Zusammenkünfte. „Weniger Personen werden etwas mehr Platz benötigen. So wird auch die heute häufig gewählte 4er-Schreibtisch-Gruppe in vielen Büros überdacht werden, um mehr Flexibilität und Abstand zu gewährleisten“, sagt Stefanie Eisenbarth. Und ergänzt:

„Grundsätzlich wird es jedoch keine Pandemie-Büroplanung geben. Alle Maßnahmen werden zukünftig darauf ausgerichtet sein, das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu unterstützen und Sicherheit zu geben. Der Krisenbetrieb ist dann durch klare Routinen sichergestellt, wird aber nicht grundsätzlich in der Belegung eines Büros berücksichtigt.“

Stefanie Eisenbarth
Team Leader Workplace Strategy Germany
Miguel Rodriguez
Lead Director Tenant Representation Germany