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Ist Geschäftsethik nicht ein Widerspruch in sich?

Geschäftsethik ist kein Widerspruch, sondern nur ein falsches Wort für das, was Unternehmen als langfristige Strategie gilt, um nachhaltiges Wachstum und Beständigkeit zu erreichen.

09. Februar 2015

Wer in einer Organisation arbeitet, deren Handlungsmaximen „Professionalität“, „Effizienz“ und „Profitabilität“ sind, wird sich fragen, wo Ethik einen Platz finden kann. Kann es in der von Egoismen getriebenen Wirtschaft so etwas wie Selbstlosigkeit geben? Denn in der Ethik geht es eben um immaterielle Werte wie Gerechtigkeit, Weisheit, Freiheit, Mitgefühl, Tapferkeit oder Großzügigkeit. Diese Werte kann man weder produzieren, noch handeln. Sie sind keine kommerziellen Waren. Man kann sie auch nicht „schöpfen“ oder effizienter machen. Immaterielle Werte zeichnen sich dadurch aus, dass sie im ökonomischen Sinn völlig nutzlos, ja sogar eher kontraproduktiv sind. Dennoch wirken Begriffe wie „Professionalität“, „Effizienz“ oder „Profitabilität“ im Vergleich mit diesen Werten wie lächerliche Zwerge, die dabei sind, Erbsen zu zählen.

Watzlawick hat mal geschrieben, „wer gut mit einem Hammer umgehen kann, sieht in jedem Problem einen Nagel“. Da in der Sprachwelt der Ökonomie die Nutzenargumentation der Schlüssel zur Überzeugung ist und man dann doch irgendwie gemerkt hat, dass der Mensch eben kein „homo oeconimicus“ ist, wird nun krampfhaft versucht, den Nutzen von Ethik darzustellen. Denn im Unternehmen macht man nur etwas, was einen Nutzen hat. Man ist ja schließlich kein Sozialverein, sondern ein Wirtschaftsunternehmen und damit der Ökonomie verpflichtet – der nüchternen Bilanz des „Soll und Haben“. Welchen Nutzen hat aber Ethik, wenn doch ihr tieferer Sinn gerade der der Selbstlosigkeit und damit der Nutzlosigkeit ist?

Kein menschliches Wesen wird ohne Zwang auf Dauer sein Bestes in einem Umfeld geben wollen, in dem er sich und andere als reine Objekte kühler Kosten/Nutzen-Abwägungen wahrnimmt. Als eine Zahl in einer Excel-Tabelle, eine Figur auf einem Schachbrett, als reine „Ressource“ für das Fortkommen eines anderen oder als Zugehöriger einer zweit- oder drittklassige Kategorie. Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein, und er ist eben auch keine Ameise. Er wird sich – früher oder später – von einer Kultur und seinen Repräsentanten, in der nicht auch nach ethischen Maximen gelebt, gearbeitet und gehandelt wird, in der einen oder anderen Weise abwenden. Auf lange Sicht sind solche Systeme zum Scheitern verurteilt – jedenfalls leidet ihre Produktivität erheblich. Geschäftsethik, ethisches Verhalten im Geschäftsleben, ist deshalb kein Widerspruch, sondern nur ein falsches Wort für das, was Unternehmen als langfristige Strategie gilt, um nachhaltiges Wachstum und Beständigkeit zu erreichen. Und dabei geht es nicht um die Einhaltung von Gesetzen und die Formulierung von „Policies“. Gesetze und „Policies“ ändern keine Haltungen. Und bei Geschäftsethik geht es genau darum: Um Haltungen. Haltungen werden dadurch erkennbar, wie kommuniziert wird, welche Worte verwendet werden und vor allem wie Verhalten gerechtfertigt bzw. begründet wird.

Der Mensch ist ein denkendes Wesen und hat die Wahl zu entscheiden, was er denkt und wie er sich verhält. Die entscheidende Botschaft in George Orwells „1984“ ist, dass es am Ende entscheidend ist, wie Menschen über etwas denken – und nicht, was sie über etwas denken sollen. Aber der Mensch ist auch ein kultürliches, ein widersprüchliches Wesen. Das macht ihn so unberechenbar und interessant. Er wird selten immer „nur“ eine Haltung haben. Das Chamäleonhafte, das neben vielen anderen Eigenschaften auch zu seinem Wesen gehört, spiegelt sich in dem, was er erschafft.

Gehen wir also großzügig mit uns und anderen um und versuchen es jeden Tag aufs Neue, die richtige Haltung zu finden und anderen dabei zu helfen, sie zu bewahren.