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Lebensgestaltung: Den Faktor "Balance" überdenken

Ist es angesichts der Tatsache, dass „Zeit“ die einzige endliche und unwiederbringliche Ressource des Menschen ist, an der Zeit, das Paradoxon Work-Life-Balance zu überdenken?

16. Januar 2015

Es wurde bereits viel über die Unvereinbarkeit einer anstrengenden beruflichen Karriere und den Freuden eines erfüllten Privatlebens gesagt. Ist es angesichts der Tatsache, dass „Zeit“ die einzige endliche und unwiederbringliche Ressource des Menschen ist, an der Zeit, das Paradoxon Work-Life-Balance zu überdenken?

Nach der Lektüre des jüngsten Artikels von Stewart D. Friedman (HBR, Ausgabe September 2014) mit dem Titel "Work + Home + Community + Self" dämmerte es mir, warum ich mich bei diesem Spiel immer noch über Wasser halten kann und nicht in einem Ozean von Stress, Schuldgefühlen und einer gefühlt ungenügenden Leistung ertrinke. Ich habe aufgehört, die vier Bereiche zu trennen, und halte ständig Ausschau nach Gelegenheiten, um Überschneidungen meiner vier Dimensionen von Arbeit, Familie, Gemeinschaft und Selbst zu schaffen – das ist mein persönlicher Lebensentwurf.

So war es nicht immer. In meinem Erwachsenenleben habe ich eine Reihe von Modellen durchgemacht: Als Vollzeitmutti von drei Kindern unter drei Jahren (viel Familienleben, kein Berufsleben), als Heim-/Teilzeitarbeiterin + Au-pair (von allem etwas) und als Vollzeit-Führungskraft mit einem Hausmann (viel Berufsleben, die anderen Felder outgesourct). Dabei ergab sich kein großes Bedürfnis nach Balance: es funktionierte.

Dennoch: Nicht jeder hat den Luxus, sein Lebensmodell frei wählen zu können, und manchmal nimmt das Leben selbst unvorhersehbare Wendungen, die ein komplettes Umdenken erfordern. In meinem Fall war es das unerwartete Verscheiden meines Ehemanns. Die Herausforderung, eine hoch anspruchsvolle, aber durchaus angenehme Führungsposition mit vier Schulkindern, die physischer und emotionaler Stabilität bedurften, weiterzuführen schien meine Lebensgestaltung um einiges komplizierter zu machen.

Ein Jahr später kann ich behaupten, dass das neue Modell ebenfalls funktioniert (zumindest solange, bis das Leben die nächste Anpassung notwendig macht). Wie ließ es sich beruflich ermöglichen? Die unablässige Suche nach Möglichkeiten, Überschneidungen der Bereiche zu schaffen, da deren Auslagerung oder Unterlassung keine Option mehr war. Die Klarheit über meine Stärken, Vorlieben und (innere und äußere) Motivationsauslöser sowie die Flexibilität und das Vertrauen seitens der Vorgesetzten, Kollegen und nicht zuletzt der Kunden, waren von entscheidender Bedeutung. Meine Entschlossenheit und mein Sinn für Humor waren dabei natürlich hilfreich.

Der richtige Arbeitgeber: In persönlich schwierigen Zeiten nimmt das Unternehmen, für das und mit dem man arbeitet, eine entscheidende Rolle ein. Sofortige praktische Unterstützung ist genauso wichtig wie Empathie, Fürsorge und Geduld. Wenn ein Arbeitgeber über die Gehaltsabrechnung hinaus ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln kann, schafft dies wiederum eine noch stärkere Bindung und Treue.

Die richtige Teamkultur: Wenn der Kostendruck den Luxus einer Ersatzperson für eine bestimmte Funktion aufzehrt, ist es wichtig, dass die Teamkultur den Mangel an Ressourcen wettmacht oder selbst zu einer Ressource wird. Wenn Mitarbeiter ohne unmittelbare finanzielle Vorteile für sie selbst zusätzliche Aufgaben übernehmen, besitzt das dadurch entstehende Team die nötige Belastbarkeit und emotionale Intelligenz, um die meisten Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen.

Die richtige Perspektive von HR: Von entscheidender Bedeutung ist die Fähigkeit (und der Mut), traditionelle Stellenbeschreibungen und Anreizsysteme zu beeinflussen und in Frage zu stellen, um so sinnvolle Verantwortlichkeiten zu schaffen, die erfolgreich einen Wertbeitrag für den Arbeitgeber leisten und noch dazu Freude bereiten. Selbständigkeit und Eigenverantwortung bilden ein wichtiges Gegengewicht zu dem unvermeidlichen Schuldgefühl, wenn es darum geht, das potenzielle Ungleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben auszugleichen.

Der richtige „Arbeitsplatz“: Die wirkliche „Ortsunabhängigkeit“ hat mir nicht nur die Möglichkeit gegeben, meine persönlichen und beruflichen Pflichten unter einen Hut zu bringen, sondern eröffnete mir auch eine völlig neue Sichtweise darauf, wie Orte zum Arbeiten, Zusammenarbeiten und Netzwerken bereichert werden können. Zugegebenermaßen sind die Grenzen jetzt völlig verschwommen, und eine neue Disziplin ist erforderlich, um „abzuschalten“. Doch in einer Umgebung mit vorgeschriebenen Bürozeiten und Anwesenheitspflicht hätte ich ganz einfach kündigen müssen.

So konnte ich nicht nur mit weniger Aufwand mehr erreichen: Meine Kinder haben dabei viele wichtige Dinge gelernt – ganz besonders Unabhängigkeit, Selbstvertrauen und das Sich-Weiterentwickeln in schwierigen Zeiten. Kein schlechtes Rüstzeug für die Gestaltung ihrer eigenen Balance zwischen Arbeit, Privatleben und Lernen in der Zukunft. Ihnen bei ihrer Entwicklung zuzusehen, ist für mich wiederum eine wahre Inspiration bei dem Bestreben, die Arbeit zu einem besseren Ort zu machen.