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Polyamourös Arbeiten

Sie kennen das vermutlich so oder so ähnlich: Sie arbeiten in einem Unternehmen. Und Sie haben einen Schreibtisch. Ihren Schreibtisch. Mit Ihrem Schreibtisch verbindet Sie eine langjährige intime Beziehung. Sie sind durch Dick (Bonus) und Dünn (Überstunden) miteinander gegangen.

29. April 2015

Keine Angst, in meinem Beitrag wird es nicht um den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem JLL-Büro gehen. Mich interessieren heute keine Beziehungen zwischen Menschen sondern solche zwischen Menschen und Möbeln. Nun denn.

Sie kennen das vermutlich so oder so ähnlich: Sie arbeiten in einem Unternehmen. Und Sie haben einen Schreibtisch. Ihren Schreibtisch. Mit Ihrem Schreibtisch verbindet Sie eine langjährige intime Beziehung. Sie sind durch Dick (Bonus) und Dünn (Überstunden) miteinander gegangen. Und jeden Morgen wartet er geduldig auf Sie. Eine treue Seele – das verbindet.

Soweit, so normal. Ich erlaube mir nun, diesem verbindenden Verhältnis, vergleichbar einer monogamen Beziehung, ein polyamouröses Verhältnis, eine Vielliebe entgegenzustellen. Warum? Weil ich mich ernsthaft frage, ob diese Form der Monogamie im Büro – ein Mensch, ein Schreibtisch – noch zeitgemäß ist. Denn haben Sie das Gefühl, diese gelebte Monogamie wird irgendwie belohnt? Ist Ihr Schreibtisch wirklich der beste Partner in allen (Arbeits-)Lebenslagen?

Ich behaupte: nein. Zumindest heutzutage nicht mehr.

Im Unternehmen haben wir ja noch weitere, ähnlich monogame Beziehungen. Zum Beispiel zu unserem Telefon oder zu wichtigen Unterlagen. Früher waren diese in unmittelbarer Nähe zum Schreibtisch zu finden. Wir mussten am Schreibtisch sitzen, damit wir das Telefon und die Akten nutzen konnten. Das eine war mit einem Kabel gefesselt, die anderen waren groß und schwer. Aber diese Zeiten sind vorbei. Das Bürotelefon begleitet die meisten in Form eines Handys überall hin. Und die Akten sind im Laptop (oder der Wolke) immer dabei. Auch unterwegs. So wurde das Arbeitsleben schon deutlich flexibler.

Warum aber sind wir unseren Schreibtischen so oft (noch) so treu?

Nun, wie im Leben so im Büro: Gelegenheit macht Liebe. Und was der Bauer nicht kennt, das isst er auch nicht. Gelegenheiten und Gewöhnung müssen also untersucht werden. Ohne Tabus. Und unerschrocken. Mutig, eben.

In den meisten Büros, die ich kenne, und Sie wahrscheinlich auch, herrscht dummerweise eine alternativlos erscheinende Monokultur der erwähnten Monogamie. Schreibtische. Quadratkilometerweise Schreibtische. Manche in größeren Gruppen, manche einzeln, in Zellen an endlosen Fluren. Aber alle erschreckend gleich. Das mag man seit langem gewöhnt sein, aber ist es auch gut? Denn immerhin wissen wir aus der Landwirtschaft, dass Monokulturen die Böden auslaugen und die Erträge sinken lassen. Fühlen Sie sich an Ihrem Schreibtisch nicht manchmal ausgelaugt und unproduktiv?

Ich mich schon.

Das Ziel wäre also mehr Vielfalt. Gelegenheiten schaffen. Denn der Blick über die abgenutzte Schreibtischkante hinaus zeigt: die Welt ist groß und bunt. Es gibt hunderte Alternativen zu Ihrem Schreibtisch. Keine ist universal ideal – aber alle sind ausgewiesene Spezialisten für spezielle Aufgaben. Es geht nicht darum, den Tisch zu ersetzen, sondern Alternativen anzubieten. Und mit diesen darf man dann auch mal einen Flirt wagen. Vielleicht ergibt sich ja eine neue innige Beziehung zu einem kleinen Fokus-Raum – ideal für vertrauliche Dokumente und Gespräche? Oder zu einem bequemen Ohrensessel zum gemütlichen Schmökern im Geschäftsbericht? Oder einfach manchmal den Tisch des verreisten Kollegen zwei Etagen höher nutzen? Der fühlt sich nämlich ganz sicher einsam.

Und was haben wir nun von diesen polyamourösen Verhältnissen? Mehr Austausch. Mehr Abwechslung. Mehr Produktivität. Weil wir immer genau an dem Ort arbeiten, der für die jeweils aktuelle Aufgabe der Beste ist. Denn Aufgaben ändern sich. Routinearbeit nimmt im Allgemeinen ab und Wissens- und Kreativarbeit zu. In einer Monokultur können neue Ideen nicht sprießen – schon deswegen nicht, weil sie irgendwie wie fehl am Platz wirken. Und diese Wirkung gilt es nicht zu unterschätzen. Büroräume kommunizieren unterschwellig Werte des Unternehmens. Von Grau in Grau bis flexibel und bunt. Räume sollten so gestaltet sein, wie das Unternehmen ist oder gerne sein möchte, wie es sich selbst sieht oder gerne sähe.

Wenn Sie also energiegeladen statt ausgelaugt sein wollen, dann ist polyamouröses Arbeiten – also Activity Based Working – in einer modernen Bürowelt ein Schlüssel zum Erfolg.

Und das Beste: Im Gegensatz zu Ihrem Partner wird Ihr Tisch nicht eifersüchtig. Fremdsitzen und den Vorzügen und Reizen anderer Arbeitsorte manchmal zu erliegen, steht also nichts im Weg. Versuchen Sie es mal, es wird Ihrem Arbeitsleben neuen Pep geben. Ich jedenfalls habe der Büro-Monogamie abgeschworen.

P.S.: Da war ja noch der Bauer, der nur isst, was er kennt. Die Frage nach der Gewöhnung. Und wenn er nun seit 20 Jahren nur seinen Schreibtisch kennt und sich endlich in ein Einzelbüro hochgearbeitet hat, kann er dann noch die Vorzüge der Vielfalt lieben lernen? Kann er. Es wird etwas länger dauern und mit Gegrummel und dem Lamento vom Niedergang alter Werte einhergehen. Aber darum geht es ja. Um einen Arbeitswertewandel.

Sollten Sie Hilfe brauchen beim Herantasten ans polyamouröse Arbeiten, rufen Sie mich an. Gern mit Ihrem alten Kabeltelefon. An Ihrem geliebten Schreibtisch.