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Warum uns im Home Office der therapeutische Kaffee fehlt

Viele Unternehmen haben auf Remote Working umgestellt. Digitaler Dialog und Videoschalten klappen meist reibungslos. Und trotzdem fehlt etwas, das nur das analoge Büro bieten kann. Bislang zumindest.

24. März 2020

Wir müssen reden. Kommunikation ist für die meisten Unternehmen jetzt lebenswichtig. Es geht um den Austausch von Informationen, aber auch darum, wie wir miteinander reden. Denn vieles lässt sich digital erfolgreich bewältigen, aber eben nicht alles.

Zahlreiche Unternehmen haben in den vergangenen Tagen Büros geräumt, komplett auf Remote Office umgestellt und lassen ihre Mitarbeiter von zu Hause arbeiten. So auch JLL, das in den vergangenen Jahren viel in Technologie und Hardware investiert hat und nun im digitalen Regelbetrieb arbeitet. Dank Datenbanken, Online-Tools und Videoschalten funktioniert das sehr gut und effektiv. Und doch fehlt etwas, wenn man nicht gemeinsam im Büro arbeitet.

Objektiv ist das Büro der Raum, den man zum Arbeiten aufsucht. Hier stehen Computer, Aktenordner und sonstiges Arbeitsmaterial, Konferenzräume und Kreativflächen sind verfügbar. Ist das Unternehmen technisch gut aufgestellt, lässt sich das alles nun auch dezentral und digital nutzen. Der gut organisierte Schwarm simuliert das Büro nun eben vom heimischen Esstisch.

Und dann gibt es noch die subjektiven, die emotionalen Aspekte des Büros, wie zum Beispiel die Kaffeemaschine. Natürlich verfügen die meisten auch zu Hause über ein zumindest ähnliches Gerät. Aber eine Kaffeemaschine ist im Büro mehr als ein Getränkespender. In vielen Büros ist es das, was früher der Brunnen oder die Wasserstelle war. Ein Ort, wo man mit dem Zweck zusammenkommt, etwas zu trinken. Aber mit dem noch wichtigeren Ziel, sich informell auszutauschen. Das kleine Gespräch zwischen Tür und Angel, der Blickkontakt, das Lachen oder auch stillschweigende Übereinkunft und Koordination, wer wann welche Schranktür öffnet. Also all das, was uns als soziale Wesen ausmacht.

Viele Teilnehmer von Videokonferenzen machen in diesen Tagen etwas, was sie vorher nie getan haben: Sie aktivieren ihre Kamera. Es ist das Bedürfnis nach Austausch auf mehr Ebenen als nur der stimmlichen und der Wunsch, zu einer Gruppe zu gehören. Denn bei allem Leistungsdruck und enger Taktung ist ein Büro auch immer eine Gemeinschaft, die in der Summe stärker sein sollte als ihre Einzelteile – gute Führung vorausgesetzt.

Auch bei Telefonaten ist ein gesteigerter Drang nach Dialog spürbar, weil das zufällige Gespräch auf dem Gang oder im Fahrstuhl aktuell nicht möglich ist. Der geplante, koordinierte, effektive Austausch ist digital machbar – aber nicht der zufällige, der entspannende, bei dem wir uns aufregen, abregen und vor allem selbst reflektieren können. Die kleine Selbsttherapie zwischendurch. Analog ist diese Unterscheidung selbstverständlich gelebte Realität: Man plaudert in der Küche oder auf der Toilette, nicht aber während eines Meetings in einem vollen Konferenzraum.

Was ist also die Lösung? Kann man Zufälle planen? Das sicher nicht. Aber man kann bewusst Räume und Zeiten für informelles Miteinander anbieten. Ganz konkret: In einer natürlichen Gruppengröße von drei bis sieben Personen mit einem frischen Tee oder Kaffee zu einem Call außerhalb der Hauptstoßzeit verabreden. Keine Agenda, aber alle mit Kamera. Das mag im ersten Moment seltsam anmuten, gibt aber den nötigen Freiraum, den wir aus dem Büro kennen und der schon viele gute Ideen hervorgebracht hat.

Peter Lausmann
Team Leader Corporate Communications Germany