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Unternehmenswelten neu denken – wie geht das zwischen eingefahrenen Prozessen und starrer Büroimmobilie? 3 Fragen an Jörn König

Server runterfahren, Akten raus, Schreibtische an die Wand, der Letzte löscht das Licht. Und dann beginnt die Stunde null. Mit einer neuen Vision, neuen Strategie, neuen Prozessen. Wie würden wir unsere Arbeitswelten gestalten, unseren Standort wählen, unsere Unternehmenskultur ausrichten, wenn wir nochmal ganz von vorne beginnen könnten? Das einmal durchzuspielen birgt die Chance, sein Unternehmen für ein sich stetig wandelndes Umfeld und besonders die disruptiven Auswirkungen der Digitalisierung zu öffnen. Ganz ohne Restriktionen, eingefahrene Strukturen und Richtungsentscheidungen, die lange vor einem getroffen wurden.

  

  

Aber wohin sollte man sich als Unternehmen eigentlich weiterentwickeln? Wie sieht das „Fit-Für-Die-Zukunft-Sein“ konkret aus? Und wie geht die Neuauflage von Prozessen und Arbeitswelten in ein und derselben (starren) Büroimmobilie? Jörn König, National Director im JLL Corporate Consulting Team, der Unternehmen beim neuen Fußabdruck berät, blickt tiefer. 3 Fragen – 3 Antworten:

Gibt es das eine Geheimrezept für ein zukunftsfittes Unternehmen?

Nein. Denn jedes Unternehmen sieht anders aus. Wer ein Digital Leader sein will, setzt einen anderen Fokus als ein Trendsetter für Consumer Goods. Wer im B-to-B zuliefert, hat einen anderen Fußabdruck als eine Firma, die B-to-C Produkte verkauft. Die Fragen, die sich Unternehmer stellen sollten, sind: Was genau ist meine Vision? Wo stehe ich jetzt? Und was muss ich (anders) machen, um meine Marke voranzutreiben und Menschen zu begeistern?

Dennoch geben globale Trends einen Rahmen vor, an dem sich jedes Business mit Blick auf die künftige Wettbewerbsfähigkeit ausrichten sollte. Allen voran die Digitalisierung. Die Geschäftsmodelle erweitert oder völlig erneuert. Die Erwartungen von Kunden und Kollegen verändert. Und die neue  Möglichkeiten zur internen wie externen Kooperation eröffnet. All das muss neu bewertet werden mit Blick auf Unternehmensstrukturen, die Jahre, oder Jahrzehnte, zuvor verankert wurden. Hinzu kommt der Trend zum nachhaltigen Umgang mit Ressourcen – nicht nur in umwelttechnischer und materieller sondern auch in zeitlicher und menschlicher Hinsicht. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels rückt der Faktor Mensch in den Mittelpunkt.  Young Talents stehen nicht mehr Schlange. Sie müssen gelockt werden – mit einem anziehend-modernen Image, das aus gut durchdachter Marke und Vision erwächst. Zukunftsfit heißt nicht, einen perfekten Status Quo zu finden, sondern Flexibilität zu verankern. Prozesse so ausrichten, dass sie neue Wege und Innovationen zulassen und vorantreiben können. Denn gerade mit Blick auf Technologien passieren Änderungen mittlerweile so rasant schnell, dass Selbstreflexion und Wandel quasi permanent stattfinden müssen, um mit Markt,  Wünschen und Erwartungen der Zielgruppe mithalten zu können.

Apropos Flexibilität – wie kann ich meine Prozesse und Arbeitswelten neu denken, wenn die Büroimmobilie um mich herum wortwörtlich in Stein gemeißelt ist?

Das ist ein guter Punkt: Starr und unbeweglich – so sieht die Immobilie in unseren Köpfen aus. Und häufig ist sie das auch in der Unternehmensrealität. Firmen sind an einen Standort gebunden, Strukturen über Jahrzehnte gewachsen und die Frage drängt sich auf: Passt das noch zur Welt, in der wir leben? Und passt das überhaupt zu unserer Vision? Sicher ist, unsere Welt wird immer schneller, flexibler und unverbindlicher. Und steht damit in einem krassen Gegensatz zu einer Immobilie, die gleich bleibt. Nicht umsonst ist WeWork innerhalb kurzer Zeit zu einem Platzhirsch seiner Branche geworden. Es reagiert auf kürzer werdende Zyklen mit Konzepten, die ad-hoc verfügbar sind, den Menschen in den Fokus rücken, Austausch und Networking groß schreiben. Man könnte sich also fragen: Braucht es also gar keine Unternehmensimmobilien mehr? Die Antwort ist: doch. Und zwar dringender denn je. Denn eine Arbeitswelt ist in einer Gesellschaft, die Experience groß schreibt – also die Erfahrung, ganz gleich ob beim Einkauf, im Restaurant oder eben im Büro –, weit mehr als ein Gebäude mit Tischen, Stühlen und einer soliden IT. Arbeitswelten spiegeln die eigene Marke und die Werte und motivieren die Mitarbeiter zur Höchstleistung. Und werden damit zu einem Ort des Socializing, der Zusammenarbeit und der Innovation. Und damit zum wichtigsten Talentmagneten und individuellen Markenzeichen. Sie sind Ausdruck und Teil einer übergeordneten Unternehmensvision, die über die reine Betrachtung der Immobilien hinausgeht.

Mehr als nur ein Update der Arbeitswelt und Immobilie – wie tief muss der wirksame neue Fußabdruck gehen?

Definitiv braucht es ein ganzheitliches Neuaufstellen. Es bringt nichts, einfach in die nächste Großstadt zu ziehen, dort besondere Konditionen mit dem Fitnessstudio zu vereinbaren und neue Computer einzukaufen. Ein Innovationsprozess darf nicht an der Oberfläche bleiben. Sonst passiert genau das, was Dr. Carsten Linz, Leiter des Center for Digital Leadership bei SAP, als „Digital Icing on the Cake“ für digitale Restrukturierungen beschrieben hat. Das wahre Potential der Digitalisierung kann nur dann gehoben werden, wenn Prozesse unter digitalen Gesichtspunkten neu definiert werden und verpufft, wenn bestehende Prozesse einfach nur digitalisiert werden. Gleiches gilt für die Footprint Strategy, beispielsweise beim Thema Standort: Wenn die Talente nicht zum Unternehmen kommen, warum geht das Unternehmen nicht zu den Talenten? Was ich damit sagen will: Städte wie Berlin oder Amsterdam ziehen die jungen Generationen an. Das sollte auch bei einer Standortentscheidung berücksichtigt werden. Heute geht es nicht mehr einfach darum, eine Immobilie zu kaufen oder anzumieten, die der Anzahl der Mitarbeiter entspricht. Es geht darum, eine Arbeitswelt zu schaffen, die einzigartig ist und die Vision und Mission des Unternehmens spiegelt. Das betrifft weit mehr als nur das Gebäude. Ich bin davon überzeugt, dass ein tiefgehendes Profiling am Anfang der Wertschöpfungskette stehen muss. Und dabei hilft ein Greenfield Approach, der über bestehende Strukturen hinaus noch einmal ganz neu denkt: Was wäre, wenn Sie Ihr Unternehmen komplett neu designen könnten?