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Wie Frauen im Job gegen den Gender-Gap angehen

Führende Frauen in der Immobilienbranche erklären, was nötig ist, um die jüngsten Herausforderungen bei der Gleichstellung zu bewältigen.

08. März 2021

Vor etwas mehr als einem Jahr gab es zwar immer noch große Herausforderungen bei der Gleichberechtigung der Geschlechter, aber die Zahl der Frauen am Arbeitsplatz stieg an. Zwölf Monate später hat sich das Bild geändert, denn Pandemie und der folgende wirtschaftliche Einbruch haben Frauen unverhältnismäßig stark betroffen.

Im vergangenen Jahr haben sie die Arbeitswelt mit größerem Tempo als die Männer verlassen, was die ohnehin schon bestehenden Ungleichheiten noch verstärkt. Das liegt zum Teil daran, dass Frauen in Branchen wie Kinderbetreuung, Gastgewerbe und Unterhaltung überrepräsentiert sind - also solche, die auf den Kontakt zwischen Menschen angewiesen sind. Und da Frauen tendenziell nach wie vor Kinder und Haushalt verantworten, hat die Arbeit im Homeoffice die täglichen Pflichten noch erschwert.

Dies sind aktuelle Probleme, doch längerfristig besteht die Gefahr, dass die jahrzehntelangen Bemühungen um Geschlechtervielfalt am Arbeitsplatz zunichte gemacht werden.

Was also muss getan werden?

Zum Internationalen Frauentag haben wir rund um die Welt mit Frauen in JLL-Führungspositionen gesprochen. Auch wenn ihre Ansichten je nach Land variieren können - Politik, soziale Normen und die Zahl der Frauen am Arbeitsplatz unterscheiden sich stark - gibt es viele Gemeinsamkeiten.

Führung muss vorangehen

Flexibles Arbeiten und Kinderbetreuung spielten eine große Rolle, wenn es darum gehe, Frauen am Arbeitsplatz zu halten. Aber eine unterstützende Führung sei ebenso wichtig, sagt Ingrid Jacobs, Global Head of Diversity & Inclusion bei JLL. „Es muss einen Paradigmenwechsel geben, weg von einer Mentalität, die nicht dazu ermutigt, das eigene Privatleben mit an den Arbeitsplatz zu bringen“, sagt sie.

Unternehmen müssten offener mit ihren Beschäftigten über deren häusliches Leben sprechen. „Einfache Schritte, die etwa sicherstellen, dass Beschäftigte tagsüber Pausen einlegen, oder die Grenzziehung zwischen Arbeit und Privatleben, indem man nicht spät abends noch E-Mails verschickt: Dies sind Dinge, die alle Führungskräfte umsetzen können.“

In den USA schieden im vergangenen September mehr als 600.000 Frauen aus dem Berufsleben aus - achtmal mehr als die Zahl der Männer, so das U.S. Bureau of Labor Statistics.

„Mehr als 11 Millionen Frauen sind von Arbeitsplatzverlusten betroffen und zwei Millionen haben die Arbeitswelt komplett verlassen“, sagt Jacobs, die in Boston lebt. „Unternehmen, die darum kämpfen, Frauen am Arbeitsplatz zu halten, müssen sich genau überlegen, was dazu nötig ist.“

Anerkennung, wo sie angebracht ist

In Europa, wo Länder wie Schweden und die Niederlande für ihre familienfreundliche Beschäftigungspolitik bekannt seien, erlebten Frauen vielleicht weniger negative Auswirkungen als anderswo, sagt Sabine Eckhardt, JLL CEO Central Europe.

Aber sie merkt an, dass die Work-Life-Balance nach wie vor leide und die Arbeitgeber Frauen Freiraum geben müssten, um ihr Privatleben zu managen.

„Frauen, mit denen ich zu tun habe, wollen keine besondere Behandlung", sagt sie. "Sie wollen für ihre harte Arbeit belohnt werden. Wir sollten unseren weiblichen Beschäftigten Unterstützung bieten, aber dabei nicht über das Ziel hinausschießen.“

Anny Zhang, JLL Managing Director East China, stimmt zu. “Initiativen wie der Internationale Frauentag sind alle fantastisch, aber wir brauchen vor allem Anerkennung für unseren Beitrag“, sagt sie. „Das bedeutet, mehr Frauen in Führungspositionen zu sehen.“

Mehr Flexibilität

Während die Pandemie ihren Lauf nimmt, haben viele Frauen auf der ganzen Welt haben ihre Karriereambitionen zurückgestellt.

„Das ist eine Entwicklung, die mir wirklich Angst macht“, so Eckhardt. Sie glaubt jedoch, dass die Pandemie keine irreversiblen oder langfristigen Schäden verursachen werde, sondern den Fortschritt nur um ein paar Jahre zurückwerfe.

Viele Frauen in China haben ihre Karrieren freiwillig gebremst, sagt Zhang: „Kundinnen und Freundinnen haben aus unterschiedlichen Gründen einen Karrierestopp in Erwägung gezogen: um sich um Kinder zu kümmern, oder weil sie schwanger sind und das Risiko einer Ansteckung verringern wollen, es lag nicht unbedingt an Entlassungen.“

Die Pandemie habe sich jedoch positiv auf Chinas flexible Arbeitskultur ausgewirkt, die zuvor hinter dem Westen zurückgelegen habe, wie sie sagt. „Flexibles Arbeiten war lange Zeit eher nur ein Konzept, aber viele Unternehmen, wie JLL, haben Richtlinien für flexibles Arbeiten eingeführt, die in kritischen Situationen für alle Beschäftigten gelten, um sicherzustellen, dass sie ihren Job nicht aufgeben“, sagt Zhang und fügt hinzu, dass es eine spürbare Verbesserung des Führungsstils gegeben habe, der Flexibilität erleichtere.

Bildung und Ausbildung

Die meisten Diskussionen über die Auswirkungen auf Frauen in der Arbeitswelt drehen sich um die Rollen im Unternehmen.

„Generell die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, ist ein Privileg, weil wir uns nicht in Produktionsstätten befinden", erklärt Eckhardt. In der Immobilienbranche sind Frauen immer noch unterrepräsentiert. Aber zumindest haben sie die Möglichkeit, von diesen Gegebenheiten zu profitieren, die eine Basis für mehr Diversität sein können.

Die Krise hat untere Lohngruppen, zu denen viele Frauen im Dienstleistungssektor gehören, schwer getroffen. Neue Daten zum Lohngefälle zeigen, dass in geringer qualifizierten Tätigkeiten mehr Arbeitsstunden verloren gingen als in besser bezahlten Manager- und Fachkräftepositionen.

Bildung und Ausbildung könnten also den Ausschlag geben. In China, so Zhang, habe die Regierung bereits Qualifizierungsprogramme für Frauen in der Dienstleistungsbranche aufgelegt.

Trotz der Schlagzeilen, die vorhersagen, der Fortschritt würde um eine ganze Generation zurückgeworfen, sind die weiblichen Führungskräfte bei JLL optimistisch. Sie alle sind sich einig, dass die Immobilienbranche, ein historisch männerdominiertes Metier, zwar nicht unempfindlich gegen diese Herausforderungen ist, aber gut positioniert, um das Unwetter zu überstehen.

„Ich glaube nicht, dass dies alles vom Kurs abbringen wird, aber die Führungskräfte müssen schnell gegensteuern, um langfristige Schäden bei den Einstellungszahlen von Frauen zu vermeiden“, sagt Jacobs. „Diversität sorgt für bessere Umsätze und ist ein Business Enabler, also werden Unternehmen, die in dieser Zeit an ihren Werten festhalten, gut abschneiden.“

Sabine Eckhardt,Chief Executive Officer Central Europe
Sabine Eckhardt
Chief Executive Officer Central Europe